KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen
event
 
Dienstag, 25. April 19:00 Uhr - 21:00 Uhr
Buchvorstellung mit Roman Léandre Schmidt und Patrick Eiden-Offe
Europa/Zeitschriften. Was will kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung?
Ort: Gartensaal, Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Goethestr. 31, 45128 Essen
Veranstalter: Die offene Gesellschaft

L’Europe, sans provincialisme, sans ghetto, sans arme
(Lettre internationale)

Was sind und zu welchem Ende ediert man politisch-literarische Zeitschriften? Seit einigen Jahren lässt sich ein neues Interesse der Geschichts-, Literatur- und Medienwissenschaften an diesen Fragen beobachten, wobei auch methodisch neue Wege beschritten werden. Die Zeiten, in denen Zeitschriften vor allem als Träger und „Spiegel“ gesellschaftlicher Debatten interessierten, sind vorbei. Heute gelten sie vielmehr als zentrale Orte für die intellectual history.

Aus dem Spektrum dieser „kulturwissenschaftlichen Zeitschriftenforschung“ stellen wir zwei neue Bücher vor: Roman Léandre Schmidt präsentiert seine Studie zur Europazeitschrift Lettre internationale; Patrick Eiden-Offe geht der Rolle von Zeitschriften bei der Herausbildung des Proletariats und der Arbeiterbewegung nach, dem Gegenstand seiner neuen Studie zur „Poesie der Klasse“ im Vormärz.

Die Doppel-Buchvorstellung wird moderiert von Claus Leggewie.

Referenten:
Roman Léandre Schmidt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI)
Patrick Eiden-Offe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL)

Moderation:
Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und Inhaber der Ludwig Börne-Professur an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Vorgestellte Titel:
Roman Léandre Schmidt
Lettre internationale – Geschichte einer europäischen Zeitschrift
Wilhelm Fink, Paderborn 2017
Klappentext:
Seit Jahr und Tag zählt es zum guten Ton zwischen Lissabon und Tallinn, Dublin und Bukarest, auf die unzureichende Europäisierung der je nationalen politisch-literarischen Debatte zu verweisen, und diesen Zustand zu beklagen. Er ist ja auch beklagenswert. Wie aber hätten „europäische Zeitschriften“ auszusehen, wie könnten sie gelingen, und aus welchen Konstellationen heraus wurden sie in der Vergangenheit lanciert? Von diesen Fragen lässt sich Roman Léandre Schmidt in seiner intellektuellengeschichtlichen Studie zur Genese von Lettre internationale anleiten.
Es ist eine bewegte und in weiten Teilen wenig bekannte Geschichte, die dabei zutage tritt. Einige ihrer Stationen: Das transnationale Netzwerk reformkommunistischer Intellektueller und der „Geist von Prag“ in den 1960er Jahren; der politisch-literarische Diskurs der 1970er Jahre über Antitotalitarismus und Dissidenz; die Krise der französischen Intellektuellen um 1980; schließlich die erfolgreiche Gründung von Lettre internationale durch den tschechischen Publizisten Antonin Liehm, zunächst in Paris, dann in zahlreichen Ländern und Sprachen zwischen Atlantik und Ural.
Ein Buch über die Schwierigkeiten grenzüberschreitender Medien in Europa – aber auch über die Kunst des Zeitschriftenmachens. Ein intellektuelles Abenteuer von höchster Aktualität.


Patrick Eiden-Offe
Poesie der Klasse – Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats
Matthes & Seitz, Berlin 2017
Klappentext:
Mit der Durchsetzung des Kapitalismus und der Industrialisierung entsteht im frühen 19. Jahrhundert aus verarmten Handwerkern, städtischem Pöbel, umherziehenden ländlichen Unterschichten, bankrotten Adligen und nicht zuletzt freigesetzten prekären Intellektuellen jenes neue soziale Kollektiv, das man in der Sprache der Zeit bald das Proletariat nennen wird. Allerdings existierte dieses zunächst noch nicht als formierte, homogene Klasse mit angeschlossenen politischen Parteien, die den Weg in die bessere Zukunft vorgeben. Die buntscheckige Erscheinung, die Träume und Sehnsüchte dieser allen ständischen Sicherheiten entrissenen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in romantischen Novellen, Reportagen, sozialstatistischen Untersuchungen, Monatsbulletins. Doch schon bald wurden sie – ungeordnet, gewaltvoll, nostalgisch, irrlichternd und utopisch, wie sie waren – von den Vordenkern der Arbeiterbewegung als reaktionär und anarchisch verunglimpft, weil sie nicht in die große lineare Fortschrittsvision passen wollten. In seiner bahnbrechenden Studie verhilft Patrick Eiden-Offe dem lange verdrängten romantischen Antikapitalismus zu seinem Recht und befreit die Sozial- und Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts aus ihren eindimensionalen Sichtachsen. Dabei wird nicht zuletzt deutlich, dass die historische, poetisch besungene unordentliche Klasse den heutigen Figuren von Prekarität nach dem Ende der alten Arbeitsgesellschaft verblüffend ähnlich ist.