KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Projektbereiche

Projekt Die Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Soziologie als Organisationsgeschichte – Von den sozialwissenschaftlichen Diskursnetzwerken der Gründerjahre bis 1989

Leitung und Koordination: Prof. em. Dr. Hans-Georg Soeffner (KWI)
MitarbeiterInnen: Dr. Uwe Dörk, Maria Josefina Pequero Cubelo und Alexander Wierzock
Förderer: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Laufzeit: 05/2012 – 09/2018

In welchem Verhältnis stehen wissenschaftliche Organisation und wissenschaftliche Erkenntnis, in welchem Zusammenhang akademische Netzwerke und epistemische Stile? Das seit 2012 von der DFG geförderte Projekt verfolgt diese Frage auf der Grundlage einer sorgfältigen Rekonstruktion der Organisationsgeschichte der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), die sich im 20. Jahrhundert von einer kleinen Gelehrtenvereinigung zur zentralen Fachvertretung deutscher Soziologinnen und Soziologen entwickelte. Der Untersuchungszeitraum reicht von der sozialwissenschaftlichen Netzwerkbildung im Vorfeld der Gründung der DGS im Jahre 1909 bis zur Deutschen Einheit 1989/90. Das Vorhaben schließt unmittelbar an die Digitalisierung der DGS-Akten durch das Sozialwissenschaftliche Archiv Konstanz (SAK) an. Seit Fortsetzung der DFG-Förderung im September 2016 wird das Projekt in Zusammenarbeit mit dem SAK darüber hinaus eine online-zugängliche soziologie-historische Informationsplattform erarbeiten.

Ausgangspunkt des Projekts ist die Beobachtung, dass die Herstellung von Wissen ‚über’ Gesellschaft nicht neutral möglich ist, da die Soziologie selbst wiederum Einfluss auf die Reproduktion sozialer Ordnung nimmt und hieraus auch ihre gesellschaftliche Legitimation als Wissenschaft zieht. Die Standort- und Zeitgebundenheit von Gesellschaftswissen gerät jedoch in Widerspruch zum Objektivitätsideal der Wissenschaften, das Distanz gegenüber soziopolitischen Erwartungen und Handlungszwängen fordert. Die soziologische Forschung unterliegt folglich einer Paradoxie von Entkopplungs- und Anschlusszwang. Die Struktur sozialwissenschaftlich geprägter Organisation, die mit der DGS historisch erstmals in Erscheinung trat, reagiert auf diese paradoxe Ausgangssituation: Programme, Gremien, Mitgliedschaftskriterien, Rollenspezifikationen und personelle Netzwerke erzeugten einerseits interne Differenzierung und Integration sowie Abgrenzung von der Umwelt. Themensetzungen, Publikationen und Inszenierungen des soziologischen Wissens sollten andererseits situative Anschlussfähigkeit nach außen und den Nachweis außerwissenschaftliche Relevanz ermöglichen.

Aus dieser Perspektive beschreibt das Projekt, wie die DGS unter der genannten Strukturbedingung entstand, wie sie sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts veränderte und wie Organisations- und Wissensgeschichte unter sich ändernden soziopolitischen Bedingungen ineinander griffen. Uwe Dörk untersucht in einem ersten Projektteil die Dynamik der Gründungsnetzwerke im Kaiserreich, die schwierige Reetablierung nach dem Ersten Weltkrieg (erst 1922), die Entwicklung der Organisation in der Weimarer Republik und den Versuch ihrer Anpassung an die NS-Herrschaft, die Grabenkämpfe und schließlich die Selbstblockierung. Ausgehend von der Frage nach dem Status der DGS im ‚Dritten Reich’ und der Wiedergründung der DGS im Jahre 1946 verfolgt Alexander Wierzock im zweiten Projektteil die Organisationsentwicklung in der Bundesrepublik bis 1989. Im Fokus stehen hier die Diskussionen um den Charakter der Soziologie in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Rolle der DGS in den Konflikten um die akademische Etablierung der Soziologie in den 1950er und 60er Jahren und die Entwicklung der DGS zu einer ausdifferenzierten Fachvertretung im Kontext neuer gesellschaftlicher und fachlicher Herausforderungen in den 1970er und 80er Jahren. Maria Josefina Pequero Cubelo ist wiederum mit der IT-Betreuung und Programmierung der soziologiehistorischen Informationsplattform betraut, die künftig sämtliche organisatorisch-biographische Grunddaten der DGS-Mitglieder zwischen 1909 und 1989/90 enthalten und insbesondere zu den aktiven Mitgliedern auch Materialien (textlicher und audio-visueller Art) online verfügbar machen soll.

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