KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Projektbereiche

Projekt Stile des Lebens 2.0 – Zur Genese und Struktur querläufiger Vergesellschaftung

Leitung:
Michael R. Müller
(Technische Universität Chemnitz/ Kulturwissenschaftliches Institut Essen)
Hans-Georg Soeffner
(Kulturwissenschaftliches Institut Essen)

Partner:
Institut für Medienforschung Technische Universität Chemnitz

Förderer:
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Laufzeit:
2016-2019

Mit dem Begriff der querläufigen Vergesellschaftung hat F. Tenbruck auf die soziologische Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit hingewiesen, dass in wohl allen historischen Zeiten mannigfache Vergesellschaftungsprozesse quer über bestehende Kulturen und Gesellschaften und deren Binnenstrukturen hinweglaufen. Das Forschungsvorhaben widmet sich einem begrenzten, gegenwartsdiagnostisch aber zentralen Teilausschnitt aus dem facettenreichen Spektrum solch querläufiger Vergesellschaftungsprozesse: Es untersucht Lebensstilbildungen und Stilisierungspraktiken, die durch den routinierten Einbezug medientechnischer Ausdrucksformen und damit durch eine markante Verknüpfung lokaler, medialer und gegebenenfalls medienglobaler Aktivitätszentren (sites) gekennzeichnet sind. Unsere forschungsleitende Ausgangsbeobachtung bzw. Grundannahme (die wir in Anschluss an G. Simmel formulieren) ist, dass sich mit der Medialisierung personaler Stilbildungen und Stilisierungspraktiken die soziale Dynamik und gesellschaftliche Bedeutung der auf Abgrenzung basierenden Vergesellschaftungsform Lebensstil deutlich verändert. Forschungsdesign: Da solche Veränderungen nicht bereits aus der inneren Logik jeweiliger Medien resultieren, sondern sich erst in Interdependenz von medialen Möglichkeiten und sozialem Handeln einstellen, ist das Forschungsvorhaben bewusst einzelfallanalytisch (rekonstruktiv) und systematisch fallvergleichend (typisierend) angelegt. Im Rahmen sowohl ethnographisch als auch medienanalytisch ausgerichteter Fallstudien soll mithilfe des site-Konzepts von A. Strauss (1.) geklärt werden, wie sich die soziale Gestalt jeweiliger Stilgemeinschaften im Zuge der Verklammerung von lokalen und medialen Aktivitätszentren verändert (sozialmorphologische Analysedimension). Im Fokus steht (2.) die Identifikation unterschiedlicher Formen der Artikulation und Aufrechterhaltung distinkter Lebenshaltungen auch gegen alltagspragmatische Handlungszwänge und institutionelle Verhaltenserwartungen (ideell-politische Analysedimension). Schließlich soll (3.) die Genese neuer Techniken und Bildsprachen der Imagepflege untersucht werden sowie die Ausformung aparter Bewährungsordnungen inmitten oder neben den institutionellen Strukturen des Alltagslebens (interaktions- und anerkennungstheoretische Analysedimension). Forschungsziele: In dieser Anlage und Ausrichtung soll das Projekt Beiträge nicht nur (a) zur Soziologie der Lebensstile und (b) zur Analyse gesellschaftlicher Medialisierungsprozesse leisten, sondern auch (c) zum Verständnis gesellschaftlicher Strukturentwicklungen: Der Annahme einer funktionalen Ausrichtung globaler Mediensysteme auf gesellschaftliche Integration (global village-These) stellen wir die kultur- und wissenssoziologische Frage nach der Genese relativ neuartiger Prozesse und Konstellationen wechselseitiger Selbst- und Fremdausgrenzung gegenüber.