KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Projektbereiche

Projekt Die Mediatisierung der deutschen Forensik: Aktivierte Zuschauer und private Unternehmer als Akteure auf dem forensischen Markt

Gunshot Skull









„Gunshot skull“, by National Institutes of Health, Health & Human Services [Public domain], via Wikimedia Commons


Projektleiter: Prof. Dr. Jo Reichertz
ProjektmitarbeiterInnen: Matthias Meitzler, Caroline Plewnia, Nina Kiedrowicz , Lisa Schmidt-Herzog
Förderer: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Laufzeit: 10/2014 – 09/2016


Mediatisierung

Die modernen Massenmedien spielen für die menschliche Alltagskommunikation eine immer größere Rolle. Durch das Fernsehen, das Smartphone, das World Wide Web sowie deren Anwendungen (z.B. Apps, Facebook, Twitter, Youtube etc.) werden neue Informations- und Kommunikationsstrukturen geschaffen. Sozialer Wandel kommt also nicht zuletzt dadurch zustande, dass Menschen ihr Handeln immer differenzierter auf immer mehr Medien beziehen. Diese in der Kommunikationswissenschaft als Mediatisierung bezeichnete Entwicklung findet sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Handlungsbereichen. Einer davon ist die Forensik, d.h. die technischen, (natur-)wissenschaftlichen und medizinischen Methoden der Verbrechensaufklärung. Diese werden in den letzten Jahren in unterschiedlichen TV-Formaten zunehmend repräsentiert, was insgesamt zu einer Veränderung des forensischen Feldes und der dort bestehenden Wissensordnungen geführt hat.
In dem vorangegangenen Forschungsabschnitt des DFG-Schwerpunktprogramms "Mediatisierung der Sicherheitspolitik" wurden die Rolle der Medien als eigenständiger Akteur im Feld der Verbrechensaufklärung und der Einfluss der Mediatisierung auf die Ermittlungsarbeit der Polizei untersucht. Das aktuelle Projekt knüpft an bisherige Ergebnisse an und nimmt die Bedeutung der von den Medien aktivierten Zuschauer und der auf dem forensischen Markt agierenden privaten Unternehmen in den Blick.

Aktivierte Zuschauer und private Unternehmer

Es wird zum einen untersucht, inwieweit Medien ihre Zuschauer durch Angebote wie Facebook, Social TV, Youtube oder Twitter einbinden – und hierdurch deren kommunikative Aneignungspraxen qualitativ verändern. Gibt es im Bereich forensischer TV-Formate Zuschauer, die über das bloße Rezeptionsgeschehen hinaus von den Medien dazu aktiviert werden, eigene Inhalte zu produzieren, die forensisches Wissen transportieren oder zumindest einen Bezug zu den Fernsehsendungen haben?
Aber nicht nur die Zuschauer gehören zu den neuen Akteuren auf diesem Markt, sondern auch diverse private Unternehmen, die ihn beobachten, vermessen, kommunikativ bewerten, und sich dabei aneinander orientieren. Weil sie ihn als relevant einschätzen, und sich Gewinne erhoffen, entwickeln sie für den forensischen Markt unterschiedliche Produkte und Dienstleistungen: Forensik-Studiengänge, didaktische Materialien, Events, Spiele- und Merchandiseartikel, Populärliteratur über Rechtsmedizin und vieles mehr. Auch Forensiker, die aus den Medien bekannt sind, können von der medialen Repräsentation ihrer Arbeit ökonomisch profitieren.

Methoden und Ziele des Projektes

Durch die Untersuchung dieser beiden Akteursgruppen mittels teilnehmender Beobachtung, Videographie, Gruppendiskussion, Artefaktanalysen und Interviews in zwei Untersuchungswellen soll geklärt werden, (a) welche Formen der kommunikativen Praxis der Aneignung sich in den Gruppen finden lassen, (b) welche Formen und Ausprägungen von Aktivität sich bei den beiden Gruppen beobachten lassen und (c) welche Bedeutung Mediatisierungsprozesse für den Aufbau von Wissensordnungen und die Zirkulation von forensischem Wissen bei Akteuren auf dem forensischen Markt haben.