KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Netzwerk 4: „Gewaltraum Mittelmeer?“. Erfahrungen und Erinnerung kollektiver Gewalt in der mediterranen ‚Geschichtsregion’ im 20. Jahrhundert.

Mittelmeerraum


Projektleitung: Christine Isabel Schröder (Bochum)
Koordination: Christine Isabel Schröder (Bochum)
Laufzeit: Oktober 2015-September 2017
Gefördert durch: Kulturwissenschaftliches Institut (KWI)
Mitarbeiter und Partner: Christine Isabel Schröder (Bochum), Andreas Guidi (Berlin/Paris), Dimitris Eleftherakis (Bochum), Anna Maria Droumpouki (Athen/Berlin),
Kooperation: Zentrum für Mittelmeerstudien (RUB) , Institut für Diaspora- und Genozidforschung (RUB)


Das Mittelmeer als „Gewaltraum“, gar als „bloodlands“ (Timothy Snyder)? Soll hier eine weitere negative Zuschreibung für eine Region etabliert werden, die immer wieder als eine besonders krisenhafte wahrgenommen wird? – Die „Arabellionen“ und ihre Folgen; Flüchtlingsströme und Massentod im Mittelmeer; das Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren; der 100. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern; der Streit um Reparationszahlungen Deutschlands an Griechenland für die Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg – es sind u. a. diese historischen Ereignisse, Bilder und Debatten, die das Mittelmeer und seine Region gerade heute als das Gegenteil des ‚Sehnsuchtsraumes’ erscheinen lassen, den es für Perspektiven aus dem ‚Norden’, insbesondere Deutschlands, lange Zeit dargestellt hat.
Gleichzeitig ist festzustellen, dass über die Gewaltgeschichte des Mittelmeerraums im 20.Jahrhundert vor allem in und zwischen den Weltkriegen, in der deutschen Politik und Gesellschaft ein großes Nicht-Wissen herrscht, aber auch vor allem im deutschsprachigen Kontext viele wissenschaftliche Leerstellen stehen. Es fehlen zum einen historiographische Er- und Aufarbeitungen der Erfahrung von Besatzung, kollektiver Gewalt und Vernichtung für bestimmte Teile der Region, die auch auf die Herausforderungen der Globalisierung und der Migrationsgesellschaft antworten. Zum anderen fehlen Zugänge und Perspektiven, die über Einzeldarstellungen hinausgehen und den Mittelmeerraum als ‚Geschichtsregion’ auch in ihren gewaltvollen Ausmaßen kontextualisieren.
Hier setzt das Netzwerk an: Es gilt, die einzelnen gewaltvollen Umwälzungen des Mittelmeerraums zwischen Kolonialismus, Weltkriegen und Dekolonisation in eine größere zusammenhängende Perspektive zu rücken, die Kontinuitäten aufzeigt und auch heutige politische und soziale Ereignisse in ihrer historischen Bedingung verortet und beleuchtet. Es geht somit keineswegs darum, einen kulturell oder gar ‚natürlich’ vorstrukturierten ‚Raum der Gewalt’ zu postulieren und festzuschreiben, sondern vielmehr eine ‚Geschichtsregion’ in den Blick zu nehmen und Strukturen kollektiver Gewalt zu untersuchen und transparent zu machen.
Themenbereiche, die das Netzwerk bearbeitet, umfassen u.a.: die Kriege im Vor- und Umfeld der Weltkriege; Kriegserfahrungen der Zivilbevölkerung in den Weltkriegen; Erfahrungen und Überlieferungen von Kolonialsoldaten in den Weltkriegen; Bürgerkriege und ihr Erbe; der Völkermord an den Armeniern; die Shoah im Mittelmeerraum; Erinnerungsdiskurse in Kunst und Literatur; Familien- und Generationengedächtnis; didaktische Perspektiven zur Reflexion von Strukturen kollektiver Gewalt in der Migrationsgesellschaft.
Neben öffentlichen Veranstaltungen ist ein Themenheft der Zeitschrift für Genozidforschung in Vorbereitung, das von Christine Isabel Schröder herausgegeben wird und voraussichtlich im Juni 2016 erscheint. Im Anschluss daran wird ein Workshop des Netzwerks stattfinden. Daneben ist ein Blog in Planung, um die wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Projekte zum Thema zu vernetzen und sichtbar zu machen.
Johanna Buderath, 20. Okt 2017 12:59