KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Netzwerk 1: Protest und translokale Praktiken

Protest


Projektleitung: Sandrine Gukelberger, Sektion für Soziologie, Ruhr-Universität Bochum
Laufzeit: bis Ende 2016
Gefördert durch: Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), MERCUR

Vieles deutet darauf hin, dass wir es in den letzten Jahren mit einer prominenten Zeit des Protests zu tun haben: Die Occupy-Wallstreet-Bewegung in den USA, Yasmin Revolution in Tunesien, Mouvement 23 im Senegal, Occupy Ghana, die verschiedenen Protestaktionen der Intern Vertriebenen in Kolumbien, die weltweit auftretende Black Blog Bewegungen und viele mehr. Als Reaktion auf die Krisen neoliberaler (Entwicklungs-)Politiken bilden sich dabei rund um den Globus spezifische, zwar aufeinander bezogene, aber zugleich stark lokal unterschiedene Protestkulturen heraus. Das Projekt "Protest und trankslokale Praktiken" untersucht sowohl die Vielfalt als auch die translokale Verflechtung von Protestbewegungen und fragt nach den Wechselwirkungen politischer Semantiken, Diskurse und Praktiken, die sich zu spezifischen Protestkulturen verdichten.

Die Soziale Bewegungsforschung führt interdisziplinäre Ansätze insbesondere aus der Soziologie, Geschichts- und Politikwissenschaft zusammen. Dabei richtete sie ihr Augenmerk bis zum Jahr 2000 insbesondere auf Europa, Nord-, Mittel- und Südamerika. Inzwischen rücken aber auch zunehmend andere Weltregionen – namentlich Asien und Afrika – und transnationale sowie translokale Interaktionszusammenhänge in den Blick. In den Studien der sozialen Bewegungsforschung im globalen Süden werden dabei unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. So zum Beispiel auf Organisationsform, Ressourcenmobilisierung, Ressourcenabhängigkeit von Gebern im globalen Norden, Gelegenheitsstrukturen, Identitätskonstruktionen, das framing im Sinne von Artikulieren von Problemlagen und Missständen und auf weiteres mehr. Insbesondere im Kontext des framing-Ansatzes setzt sich die Bewegungsforschung vermehrt auch mit kulturspezifischen Ausprägungen von Protestmodi auseinander und untersucht – in den letzten Jahren erstmals systematisch – die Beziehungen zwischen kulturellen Praktiken und Protest. In diesem Zusammenhang versteht das Arbeitsprojekt Protestkultur als einen dynamischen Prozess. Einen Prozess, der sich fortlaufend über informelle wie formelle kollektive translokale Aktionsformen, Vernetzungsstrategien und Handlungsrepertoires sozialer Bewegungen und anderer nicht-staatlicher wie staatlicher Akteure konstituiert und entweder gegen oder für globalisierungsbedingten Veränderungen agiert. Der Translokalitätsforschung folgend, untersucht das Projekt zum einen Proteste im Kontext von wachsenden politischen, wirtschaftlichen und migrationsbedingten Verflechtungen. Zum anderen erforscht es ebenfalls Aktivismus-Netzwerke, die einerseits ortsgebunden sind, jedoch orts- und länderübergreifend wirken und sich manifestieren – hier sei als Beispiel das Weltsozialforum genannt sowie spezifisch lokale Ausprägungen in Form von weiteren sozialen Foren. Ziel des Projekts ist es, die Vielfalt von translokalen beziehungsweise im Sinne des KWI interkulturellen Protestpraktiken unter Einbeziehung empirischer Fallstudien aus dem globalen Süden sowie deren Verflechtungs- und Interaktionszusammenhänge zu erörtern.

Im Rahmen der Netzwerkförderung wurde bereits zusammen mit Professorin Eva Gerharz (Ruhr-Universität Bochum) ein Workshop zu „Protestkulturen in Zeiten von Krisen“ auf der letzten Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) durchgeführt. Des Weiteren dient die Netzwerkförderung dazu, einen Vollantrag zum Thema „Politische Kultur in Bangladesch und Senegal: Urbane Protestbewegungen im transregionalen Vergleich“ auszuarbeiten (ebenfalls zusammen mit Eva Gerharz sowie mit Christian Meyer von der Universität Würzburg). Hierzu wurden auch zusätzliche Mittel von MERCUR eingeworben.
Johanna Buderath, 20. Okt 2017 12:59