KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Ronald Kurt (2006): Europa und Indien im musiksoziologischen Kulturvergleich. Ein Beitrag zur interkulturellen Hermeneutik. In: Soziale Ungleichheit, Kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München 2004. Herausgegeben von Karl-Siegbert Rehberg. Frankfurt am Main: Campus, CD-Rom. 3934-3943.

Ausgehend von einem Kulturbegriff, der Arten des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens, Wollens und Handelns, soziale Beziehungsformen, Handlungsprodukte und Wertbezüge umfasst, wird die europäische der indischen Musikkultur gegenübergestellt: als Rückwendung auf das So-und-nicht-anders-geworden-Sein der eigenen Musikkultur und als Hinwendung zur Musik einer fremden Kultur. Die Kontrastierung von Schriftlichkeit, Mehrstimmigkeit und Komposition im christlichen Abendland mit Mündlichkeit, Einstimmigkeit und Improvisation in Indien’ stellt in Form einer historischen Rekonstruktion heraus, dass und wie sich die Entwicklung der abendländischen Kunstmusik als Rationalisierungsprozess nachzeichnen lässt. Kennzeichnend für die indische Kunstmusik ist demgegenüber, dass solche Rationalisierungsprozesse – wie beispielsweise die mathematisch-naturwissenschaftliche Temperierung des Tonsystems – in Indien nicht stattfanden.

Ronald Kurt (2006): Max Weber und die Musik. Perspektiven und Probleme der Kulturvergleichenden Musiksoziologie. In: Jörn Rüsen (Hg.): KWI-Jahrbuch 2005. Bielefeld: transcript. 299-312.

Für Weber dient die abendländische Musikgeschichte als Beleg für seine Rationalisierungsthese. Auf das mittelalterliche Mönchtum verweisend rekonstruiert er, warum nur im Okzident eine exakte Notenschrift, ein Instrument wie das Klavier und der Beruf des Komponisten entstehen konnte. Weber hebt dabei aber nicht einseitig das Rationale hervor. Er zeigt vielmehr, wie Rationalität und Irrationalität in einer spannungsvollen Wechselbeziehung aufeinander bezogen sind. Einen Beitrag zum Verstehen fremder Musikkulturen hat Weber indes nicht erbracht. Indem Weber nach dem Nicht-Sein des Eigenen in anderen Kulturen forscht, verfehlt er im Ansatz den Eigensinn des Anderen. Heutige Kulturvergleiche können nicht mehr fragen, wie sich die eigene Kultur aus sich selbst heraus entwickelt hat. Sie müssen vielmehr fragen, wie sich das Eigene und das Fremde im wechselseitigen Bezug konstituieren. Das Verstehen des Fremden (und des Eigenen) ist immer schon in Prozesse interkulturellen Verstehens eingelassen.

Ronald Kurt (2007): Die interkulturellen Grundlagen kultureller Identität. In: Michael Kastner, Eva Neumann-Held, Christine Reick (Hg.): Kultursynergien – Kulturkonflikte. Lengerich, Berlin u.a.: Pabst. 33-54.

Ohne interkulturelle Differenz wäre kulturelle Identität weder möglich noch nötig. Menschen sind Kulturwesen, die in kultureller Vielfalt leben und in interkulturellen Verhältnissen wechselseitig aufeinander bezogen sind. Auf der Basis dieses dreidimensionalen (Inter-)Kulturbegriffs wird in Anknüpfung an Edmund Husserls Begriff der Lebenswelt der Unterschied zwischen Eigenem und Fremdem als eine beständige Relativität im Verhältnis zwischen Vertrautem und Unvertrautem gefasst. Schließlich wird im Ideal der interkulturellen Einstellung eine Haltung thematisiert, die als Sensibilität für die Möglichkeiten des Andersseins bestimmt wird.

Ronald Kurt (2008): Guru-Shishya Parampara. Europäische Verstehenswege zur indischen Musikerziehung. In: Markus Schmidt et al.: Raga und Tala. Klassische indische Musik und Neue Musik. Voraussichtlicher Erscheinungstermin Herbst 2008.

Das Lehren und Lernen von Musik bildet als tertium comparationis des Kulturvergleichs den Bezugspunkt für die Kontrastierung von ‚Indischem’ und ‚Europäischem’. Nach einer Selbstbesinnung auf die europäischen Erziehungsideale ‚Freiheit’, ‚Selbstbestimmung’ und ‚Vernunft’ wird gezeigt, wie man sich den Idealen und der sozialen Praxis der indischen Musikerziehung durch das Prinzip der Rollenübernahme nähern kann. Durch das Einnehmen der Schülerperspektive wurden Erkenntnis erweiternde Erlebnisse generiert, die nicht nur Innenansichten einer genuin indischen Beziehungsform – Guru-Shishya Parampara – ermöglichten, sondern auch einen interkulturellen Dialog zwischen dem indischen Lehrer und seinem europäischem Schüler in Gang setzten, in dem das kulturell bedingte Nichtverstehen die Verstehenden wechselseitig zur Explikation impliziten Wissens herausforderte. Die Interpretation dieser interkulturellen Kommunikation lässt gegensätzliche Wertbezüge hervortreten. In idealtypischer Form werden gegeneinander gestellt: Bildung des Ich in Europa vs. Befreiung vom Ich in Indien, Independenz und Differenz in Europa vs. Interdependenz und Einheit in Indien, dialogische Erkenntnissuche in Europa vs. hierarchische Wahrheitsvermittlung in Indien, Schriftlichkeit und Reflexion in Europa vs. Mündlichkeit und Mimesis in Indien.

Ronald Kurt (2007): Indische Musik – Europäische Musik. Möglichkeiten und Grenzen interkulturellen Verstehens. In: Peter Stegmeier und Jochen Dreher (Hg.): Die Unüberwindbarkeit kultureller Differenz. Bielefeld: transcript. 183-211.

Nach einer Reflexion über die Begriffe ‚Kultur’ und ‚Fremdverstehen’ werden im zweiten Teil des Textes anhand von Fallbeispielen Prozesse interkulturellen Lernens beschrieben: der Umgang mit Vorurteilen, die Annäherung an das Fremde vom Eigenen her, die Grenzen der Übersetzbarkeit (von indischer Musik in europäische und umgekehrt) und das Verstehen von Fremdem in einer bikulturellen Einstellung.

Ronald Kurt (2007): Musikstudenten aus Indien und Europa im interkulturellen Sozialisationsprozess: Kein Spiel ohne Grenzen. In: Renate Müller, Udo Göttlich et al. (Hg.): Arbeit, Spiel und Vergnügen in Jugendkulturen. Weinheim und München: Juventa. 193-206.

Der Text beginnt mit einer Bestimmung der Termini ‚Interkulturelle Kommunikation’, ‚Interkulturelle Sozialisation’ und ‚Interkulturelles Lernen’. Im Anschluss daran werden im Rahmen von zwei Einzelfallstudien zwei Typen des Lernens dargestellt: das mimetische (‚indische’) Lernen und das reflexive (‚europäische’) Lernen. Die Ausführungen über Lernprozesse zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft münden in eine Definition des Begriffs ‚Interkulturelle Kompetenz’ als perspektiven-relatives Selbst- und Fremdverstehen, das den eigenen Blick auf das Fremde mit dem fremden Blick auf das Eigene in ein Verhältnis setzt.

Ronald Kurt (2007): Klangkulturen in Indien und Europa. Vom objektiven und subjektiven Sinn musikalischen Handelns. In: Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Herausgegeben von Karl-Siegbert Rehberg. Frankfurt am Main: Campus, CD-Rom. Im Erscheinen.

Musik ist in Indien wie in Europa in religiösem Sinn verwurzelt. Der Aufsatz zeigt, wie sich in Europa der Sinn von Musik schrittweise vermenschlicht bzw. subjektiviert hat, während in Indien auch heute noch die Raga-Musik als etwas Objektives gilt, dem unabhängig von menschlicher Bedeutungszuschreibung Sinn innewohnt. Verdeutlicht wird diese kulturelle Differenz anhand von Einzelfallbeispielen aus der europäischen Musikkultur (Guido von Arezzo, Beethoven, Wackenroder/Tieck) und Raga-Theorien aus Indien.

Ronald Kurt (2008): Komposition und Improvisation als Grundbegriffe einer allgemeinen Handlungstheorie. In: Ronald Kurt und Klaus Näumann (2007) (Hg.): Menschliches Handeln als Improvisation. Sozial- und Musikwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld: transcript. 17-46

In der abendländischen Kulturgeschichte steht die Improvisation im Schatten der Komposition, nicht nur in der Kunst und im Alltag, sondern auch in den Wissenschaften. Speziell soziologische Handlungstheorien thematisieren den improvisatorischen Aspekt sozialen Handelns nur am Rande des Rationalen als Residualkategorie. Ausgehend von musikalischem Improvisieren wird im Vergleich der europäischen Kompositionskultur mit der indischen Improvisationskultur gezeigt, wie der Improvisationsbegriff, ohne ihn auf Kategorien wie Kreativität, Spontaneität und Impulsivität zu reduzieren, in die soziologische Handlungstheorie integriert werden könnte.

Klaus Näumann (2008): Improvisation: Über ihren Gebrauch und ihre Funktion in der Geschichte des Jazz. In: Ronald Kurt und Klaus Näumann (2007) (Hg.): Menschliches Handeln als Improvisation. Sozial- und Musikwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld: transcript. 133-157

Nach einer Definition der Begriffe Gebrauch und Funktion wird rekonstruiert, wie sich das Verhältnis zwischen Jazz und Improvisation historisch entwickelt hat. Der zweite Teil des Aufsatzes thematisiert das musikpädagogische Problem, wie das Improvisieren in institutionellen Kontexten gelehrt und gelernt werden kann.
Miriam Wienhold, 14. Nov 2017 15:01