KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Geschmack macht uns erst zu Menschen


Es wurde geschnüffelt und geschmeckt bei Ernährungswissenschaftler Guido Ritter, rechts im Bild.
© KWI, Fotos: Miriam Wienhold
"Schnüffeln und Schlürfen erlaubt", lächelt der Ernährungswissenschaftler Guido Ritter von der Fachhochschule Münster und reicht eine Box mit Schokolade ins Publikum. Und die Gäste des [ ....] raums in Witten schnüffeln, schmecken, lassen die Schokolade auf der Zunge zergehen und notieren ihre Eindrücke. Eine Einführung in die Sensorik unter Einbezug aller Sinne bot Guido Ritter zum Auftakt der Veranstaltungsreihe "Esskultur" von KWI Essen und [....] raum e.V. Denn für ihn und seine WissenschaftlerInnen ist Sensorik "das Prüfen der Genuss-Qualität von Lebensmitteln mit allen Sinnesorganen". Für unseren Geschmack, so Ritter, sei nicht nur die Zunge entscheidend, ebenso wie Nase und Augen, auch Erfahrung, Training und Emotionen beeinflussen ihn erheblich. Und auch die Temperatur ist entscheidend: Ist es kalt, schmeckt vieles für uns bitterer, ist es warm, nehmen wir Säure stärker wahr. Auch die Schmetterlinge im Bauch haben einen messbaren Einfluss auf unsere Sensorik: Sind wir verliebt, ist der Serotoningehalt im Blut höher, wir schmecken bitter und süß gedämpft, wohingegen sauer und salzig intensiviert werden. Ritter empfiehlt auch das zu dieser Jahreszeit gehörige Fasten: "Einmal jährlich fasten ist ein ganz natürlicher Prozess, ich kann es nur jedem empfehlen." Durch den Hunger nehmen wir Gerüche und Geschmäcker intensiver wahr. Ebenso sollte man Wein nicht unter grünem Licht verköstigen, das macht ihn saurer, rotes Licht hingegen lässt den Wein süßer schmecken und erwiesenermaßen macht das rote Licht spendierfreudiger.
Doch hinter all dem lustvollen Hinschmecken, Schnuppern und Genießen steht für Ritter ein höheres Prinzip: "Der Geschmack hat uns Menschen erst zum ganzen Menschen gemacht." Denn erst das Erhitzen unserer Nahrung habe den Evolutionsschritt vom Homo habilis zum Homo sapiens ermöglicht. Die Genussbegabung des Menschen sei etwas ganz besonderes und angesichts problematischer Über- wie Unterernährung und unserer Ressourcenverschwendung muss für Ritter der Weg hin gehen zum verantwortungsbewussten Genuss. "Gerade so viel haben, um zufrieden zu sein", diese Suffizienzstrategie ist für Ritter entscheidend. Nichtsdestotrotz hätte sicher der ein oder andere im [....] raum gern noch mehr von der köstlichen Schokolade getestet.
Sehen Sie außerdem hier Guido Ritter im tedX-Talk in Münster zur Ernährung der Zukunft.
Miriam Wienhold, 23.02.18
 

CineScience: Kein Ritter auf dem weißen Ross

Die Helden des Abends v.l.: Verena Keysers, Markus Wierschem, Nora Schecke und Alexander Schultz
Am letzten Abend der CineScience-Reihe zu „Helden im Film“ stellten der Amerikanist Markus Wierschem und Filmwissenschaftler Alexander Schultz den „Antiheld als Reflexionsgestalt der Moderne“ in den Mittelpunkt. Eingeladen hatten sie die KWI-Fellows Verena Keysers und Nora Schecke, die die Moderation des Abends übernahmen. Anhand einer genreübergreifenden Filmauswahl analysierten sie den Antihelden hinsichtlich seiner Darstellung, seiner Beziehung zur Gesellschaft sowie seiner sozialgeschichtlichen Einbettung und der filmischen Erzählweise über ihn.
Wierschem und Schultz betonten dabei vor allem die Abgrenzung des Antihelden im Gegensatz zum Helden: „Er ist die Antithese zum Ritter auf dem weißen Pferd“, erklärte Schultz. So zu sehen beim sadistisch veranlagten Film-Noir-Charakter Mike Hammer aus Kiss Me Deadly (1955), der sich mit Brutalität Beweise verschafft. Clint Eastwood ist als Antiheld im Western The Good, the Bad and the Ugly (1966) vor allem Sinnbild einer korrumpierten und postheroischen Gesellschaft. Im durchaus trashigen Actionfilm Death Wish 3 (1985) ist ungesetzliches Handeln zwangsläufig vonnöten, um die Zivilgesellschaft zu schützen. Der Film verhandelt dabei laut Schultz und Wierschem eine reaktionäre Vorstellung von Recht und Moral. Der Abend schloss mit dem Politthriller Miss Sloane (2016), dessen titelgebende Hauptfigur mit zum Teil unmoralischen sowie illegalen Mitteln agiert und die Menschen in ihrem Umfeld instrumentalisiert. Ihr egoistisches Gewinnstreben und rücksichtloses Vorgehen wird letztlich jedoch legitimiert: Es dient einer übergeordneten Systemkritik an geltenden Waffengesetzen in den USA, ausuferndem Lobbyismus und korrumpierten Politikern. Die Gesellschaft ist schon von innen verrottet.
Miriam Wienhold, 15.02.18
 
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