KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

„Das schleichende Gift. Missgunst und Ressentiment bei David Foster Wallace und Friedrich Nietzsche“ - Vortrag in der Reihe „Kleine Gefühle“


Markus Rautzenberg
© KWI, Foto: Bornstein
Über Liebe, Hass und Ohnmacht ist viel geschrieben worden, politische Debatten werden durch sie befeuert. Wie aber steht es um die „kleinen“ Gefühle, über die niemand gerne spricht, weil sie peinlich sind? Was machen Missmut, Eifersucht oder Missgunst mit uns? Welche Bilder produzieren sie, und welche Erzählungen gibt es über sie? Diesen Fragen widmet sich die Reihe „Kleine Gefühle“ mit vier Vorträgen an unserem Institut.
Den Auftakt machte am 23. Oktober 2018 Markus Rautzenberg, Professor am Fachbereich Philosophie der Folkwang Universität der Künste Essen mit einem Vortrag über das Ressentiment, das sich wie kaum ein anderes niederträchtiges Gefühl in den heutigen politischen und gesellschaftlichen Alltag eingeschlichen hat. Der Begriff sei schwer zu übersetzen und werde meist angelehnt an das englische „resentment“ im Sinne von Groll, Missgunst oder Übelnehmen gebraucht. Anhand von Passagen aus dem berühmten Essay „This is water“ von David Foster Wallace beschrieb Rautzenberg Ressentiment als eine Empfindung, bei der das Ich „die Welt als Hindernis“ sehe, dem es permanent als machtloses Opfer gegenüberstehe. Hupende SUVs im Straßenverkehr, klingelnde Handys, schreiende Kinder oder Eltern an der Supermarktkasse – derartige oder damit vergleichbare Situationen könnten dazu führen, dass Menschen sich als Spielball fühlten und irgendwann außer sich gerieten. Aus dieser zunächst harmlosen Übellaunigkeit könne im Sinne Montaignes, der das Ressentiment im abendländischen Denken verankert, das „schleichende Gift der Missgunst“ werden, das sich verselbständige und schließlich zum hartnäckigen Gefühl des Ressentiments werde. Doch wie kann man aus einer solchen Geisteshaltung herauskommen?
In einem Exkurs zu Friedrich Nietzsche, der das Ressentiment zum „kulturstiftenden Prinzip“ erhebt, entwickelte Rautzenberg die These, dass Foster Wallace und Nietzsche eine ähnliche Strategie entfalten: Beide empfehlen einen Perspektivenwechsel, der den Ich-zentrierten Blick auf die Welt überwindet und diese damit in einem grundsätzlich neuen Licht erscheinen lässt. Die normale egoistische Ausgangsperspektive (Foster Wallace spricht von „default setting“) müsse jeden Tag durch eine bewusste moralische und ästhetische Entscheidung aufs Neue überwunden werden. Dies sei der letztlich niemals abgeschlossene Prozess, den man Zivilisation nenne, so Rautzenberg.
Mit Bezügen zu Nietzsche, Hanna Arendt, dem Eichmann-Prozess und der Poetologie von David Foster Wallace bot sein Vortrag viele Anknüpfungspunkte für weitere Fragestellungen und Diskussionen, von denen einige vom interessierten Publikum im anschließenden Gespräch direkt aufgegriffen wurden.
Helena Rose, 14.11.18
 

Julika Griems Keynote auf dem 11. Forum Wissenschaftskommunikation 2018


Das 11. Forum Wissenschaftskommunikation fand vergangene Woche in Bonn statt
© Wissenschaft im Dialog
Vergangene Woche war KWI-Direktorin Julika Griem geladen, die Keynote zur Eröffnung des elften "Forums Wissenschaftskommunikation" zu halten. Sie sprang dabei für den DFG-Präsidenten Peter Strohschneider ein, der an diesem Tag verhindert war. Das Forum gilt als größte Fachtagung für Wissenschaftskommunikation im deutschsprachigen Raum und wird initiiert vom Netzwerk "Wissenschaft im Dialog", an dem unter anderem die DFG, der Wissenschaftsrat und andere Gesellschafter beteiligt sind. In diesem Jahr stand das Treffen unter dem Thema "Forscherinnen und Forscher im Fokus der Wissenschaftskommunikation".
Julika Griems Vortrag mit dem Titel "Zumutungen. Wissenschaftskommunikation und ihre Widersprüche" bildete einen durchaus kontroversen Start in die dreitägige Tagung und sorgte für fruchtbare Diskussionen auf dem Podium sowie beim informellen Get Together. Ihr Appell, die prägenden Trends der Wissenschaftskommunikation, "Narrativierung" und "Eventisierung", kritisch zu beleuchten, wurde nicht zuletzt bei Twitter ausführlich debattiert. Unter dem Hashtag #fkw18 finden sich zahlreiche Tweets, die sich mit Julika Griems Rede befassen.
Wissenschaftskommunikation bildet einen Forschungsbereich, dem sich Julika Griem in ihrer Amtszeit als Direktorin des KWIs verstärkt widmen wird. Ihre Rede finden Sie hier in autorisierter Fassung noch einmal zum Download und zum Nachlesen. Kommendes Jahr wird das 12. Forum Wissenschaftskommunikation zu Gast in Essen sein.
Miriam Wienhold, 12.11.18
 
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