KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Der Prager Sound - Von europäischen Zeitschriften


Moderator des Abends Claus Leggewie mit Patrick Eiden-Offe und Roman Léandre Schmidt (v. l.)
© KWI, Foto: Georg Lukas
Wie prägen Zeitschriften ein europäisches Bewusstsein? Und aus welchen transnationalen Diskursen gehen europäische Zeitschriften hervor? Der Historiker und KWI-Fellow Roman Léandre Schmidt und der Literaturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe (ZfL) nähern sich der kulturwissenschaftlichen Zeitschriftenforschung auf unterschiedliche Weise. Ihr Kerninteresse gilt den literarisch-politischen Zeitschriften. Im Gartensaal des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) stellten sie am Dienstag ihre jüngst zum Thema erschienen Bücher vor. Eiden-Offe befasst sich in „Poesie der Klasse“ (Matthes und Seitz, 2017) mit den frühsozialistischen Zeitschriften des Vormärz und ergründet, wie die damaligen „Arbeiterjournale“ das proletarische Klassenbewusstsein prägten. Nach seinen Erkenntnissen haben diese Zeitschriften als Zentralorgane der Arbeiterbewegung diese erst als gesellschaftliche Gruppe mit hervorgebracht, geprägt und weiterentwickelt. Dabei ist die Arbeiterbewegung für ihn ein transnationales Phänomen, ausgehend von Paris über England hin zu Deutschland. Roman Léandre Schmidt seinerseits veröffentlichte diese Woche seine Studie „Lettre International. Geschichte einer europäischen Zeitschrift“, in der er sich mit der Zeitschrift und ihrer Geschichte auseinandersetzt. „Lettre“ ist ein publizistisches Nachleben des Prager Frühlings, sein Gründer Antonin Liehm floh nach dem niedergeschlagenen Aufstand 1968 nach Paris und exportierte den „Prager Sound“ in den Westen. Hier unternahm er mehrere Anläufe, bis ihm schließlich 1984 ein intellektueller Umbruch in Frankreich zum Erfolg verhalf: Er gründete die literarisch-politischen „Lettre International“, in der „die besten Essays und elegantesten Reportagen“ aus Europa in mehreren Ländern zugänglich gemacht werden sollen. „Lettre“ erschien erfolgreich in mehreren europäischen Ländern: in Frankreich bis 1993, in anderen Ländern, darunter in Deutschland, dank starker lokaler Herausgeberpersönlichkeiten bis heute. Für Schmidt liegt der Reiz von Lettre als europäischer Zeitschrift nicht zuletzt auf dem von Liehm praktizierten redaktionellen System „50:25:25“: 50% der Artikel im Lettre-Netzwerk sollten aus dem Zentralpool der Zeitschrift kommen und in allen Länderausgaben erscheinen. 25% würden unter den Ländern gegenseitig ausgetauscht, die restlichen 25% der Artikel wären länderspezifische Berichte. So entstehe ein „Europabild von einander überlappenden Flächen“, so Schmidt. Für ihn ist das „Lettre-Modell“ sinnbildlich für Europa: Eine gemeinsame Anstrengung werde individuell in den verschiedenen Ländern umgesetzt.
Miriam Wienhold, 27.04.17
 

Neu: Lettre Internationale. Geschichte einer europäischen Zeitschrift


Lettre internationale. Geschichte einer europäischen Zeitschrift
Seit Jahr und Tag zählt es zum guten Ton zwischen Lissabon und Tallinn, Dublin und Bukarest, auf die unzureichende Europäisierung der nationalen politisch-literarischen Debatten zu verweisen und diesen Zustand zu beklagen. Er ist ja auch beklagenswert. Wie aber hätten »europäische Zeitschriften« auszusehen, unter welchen Bedingungen könnten sie sich etablieren, und aus welchen Konstellationen heraus wurden sie in der Vergangenheit lanciert? Von diesen Fragen lässt sich KWI-Fellow Roman Léandre Schmidt in der ersten Studie zur Genese von Lettre internationale anleiten. Sein Buch "Lettre Internationale. Geschichte einer europäischen Zeitschrift" ist nun im Verlag Wilhelm Fink erschienen.
Es ist eine bewegte und in weiten Teilen wenig bekannte Geschichte, die dabei zutage tritt. Einige ihrer Stationen: Das transnationale Netzwerk reformkommunistischer Intellektueller und der »Geist von Prag« in den 1960er Jahren; der politischliterarische Diskurs der 1970er Jahre über Antitotalitarismus und Dissidenz; die Krise der französischen Intellektuellen um 1980; schließlich die Gründung von Lettre internationale durch den tschechischen Publizisten Antonin Liehm, zunächst in Paris, dann in zahlreichen Ländern und Sprachen zwischen Atlantik und Ural.
Ein Buch über die Schwierigkeiten grenzüberschreitender Medien in Europa – aber auch über die Kunst des Zeitschriftenmachens. Ein intellektuelles Abenteuer von höchster Aktualität. Roman Léandre Schmidt präsentiert sein Buch am heutigen Dienstag in einer Doppelbuchvorstellung gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe.
Miriam Wienhold, 25.04.17
 
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