Wissenschaftler und Künstler diskutieren aktuelle Veränderungen der politischen und ökonomischen Kultur
© KWI
Auf zwei Tagungen hat das KWI seine Kooperationen mit künstlerischen Initiativen fortgesetzt und zugleich einen Beitrag zu aktuellen Streitfragen geleistet. „Communitas“, gemeinsam mit dem Museum Folkwang und Sabine Maria Schmidt, griff die titelgebende Ausstellung des holländischen Installationskünstlers Aernout Mik auf. Renommierte Sozialforscher und –forscherinnen verbanden diese künstlerische Intervention mit der kulturwissenschaftlichen Analyse von Victor Turner bis Jean-Luc Nancy, um Struktur und Stellenwert von sozialen Gemeinschaften im 21. Jahrhundert auszuloten, darunter in den sozialen Medien. Unter den Stichworten „Commune“ und „Communismus“ wurden auch aktuelle politische Gemeinschaften und Bewegungen behandelt. Mit der Tagung „Changing Money“ in Kooperation mit Sibylle Peters (Hamburg) sowie Künstlern und Forscherinnen des Forschungstheaters (FUNDUS THEATER Hamburg) und der geheimagentur (derzeit am Theater Oberhausen) wurden Alternativwährungen anhand aktueller Projekte wie der Hamburger Kinderbank, der Banco Palmas in Brasilien und der Schwarzbank betrachtet, die am Theater Oberhausen im Frühjahr 2012 ihre Türen öffnen wird. David Boyle (UK) hielt die Keynote Speech. Beide Tagungen analysierten wichtige Veränderungen der politischen und ökonomischen Kultur, die Projekte am KWI in Zukunft genauer untersuchen werden.
Der Literarische Salon mit Antje Rávic Strubel
© Stiftung Mercator / Foto: Uta Wagner
"Ich hatte das Schreiben an 'Sturz der Tage in die Nacht' genau so begonnen, wie die Reise für Erik, den Protagonisten, durch Schweden begonnen hatte: Ohne ein konkretes Ziel. Lediglich die Figuren habe ich in mir gehört, gesehen" erzählt die Autorin Antje Rávic Strubel über ihren letzten Roman. Antje Strubel, deren Zweitname Rávic ein künstlerischer Beiname ist, lebt und arbeitet als Schriftstellerin in Potsdam. Nach dem Abitur machte sie in Berlin eine Ausbildung zur Buchhändlerin, bevor sie an der Universität Potsdam und der New York University Literaturwissenschaften, Amerikanistik und Psychologie studierte und 2001 ihr Studium abschloß. New York wurde dann auch zum Schauplatz ihres ersten Romans "Offene Blende". Die vielfach ausgezeichnete Literaturpreis- und Stipendiatsträgerin war am 25. Januar zu Gast im Literarischen Salon in Essen, einer Initiative des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI), unterstützt von der Stiftung Mercator und dem Schauspiel Essen.
Navid Kermani hält Eröffnungsvortrag der Lessingtage in Hamburg
(c) KWI
Navid Kermani hat die Hamburger Lessingtage mit seinem Vortrag Vergesst Deutschland. Eine patriotische Rede eröffnet. In seiner Rede am 22. Januar bezieht sich Kermani auf die Morde der rechtsradikalen Organisation "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Er entdeckt hierbei Parallelen zu Lessings Trauerspiel Philotas, in dem sich der Protagonist für sein Vaterland opfert, in dem festen Glauben, dass dies das Richtige, das Einzige sei. Auch die Protagonisten der NSU, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, haben geglaubt im Recht zu handeln, weil der Radikalismus, so Kermani, durch gewichtige Akteure in Deutschland wieder in die bürgerliche Mitte getragen worden sei.
Seit 2009 ist der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) gefördert durch die Stiftung Mercator. Das Fellowship war auf zwei Jahre angelegt und wurde nun um ein weiteres Jahr verlängert.
Die stille Integration
Etwa zwei Millionen Menschen polnischer Herkunft leben in Deutschland. Dennoch sind polnische Migranten in der Integrationsdebatte selten ein Thema. Die Integration dieser zweitgrößten Migrantengruppe verläuft fernab der deutschen Öffentlichkeit, weil sich die polnischen Migranten und ihre zivilgesellschaftlichen Vertreter in Deutschland selten zur deutschen Einwanderungs- und Integrationspolitik äußern. Thea D. Boldt geht in ihrer qualitativen Studie "Die stille Integration. Identitätskonstruktionen von polnischen Migranten in Deutschland", erschienen beim Campus Verlag, auf die biographischen Erfahrungen von Menschen ein, die in den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren aus Polen nach Deutschland migrierten und sich selbst als polnisch definieren, obwohl die meisten von ihnen eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Sie betrachtet ihre Identitätskonstruktionen und zeigt, welche Bedeutung die bereits seit dem Ende des 19. Jahrhundert andauernden Migrationsströme aus Polen nach Deutschland und die komplexe deutsch-polnische Vergangenheit für die Gegenwart dieser Menschen haben. Mit ihrem Buch eröffnet sie eine neue Perspektive auf die multiethnische Zusammensetzung der deutschen Gesellschaft und leistet damit einen Beitrag zur öffentlichen Debatte über die multikulturelle Identität Deutschlands.
Wer bestimmt in Chinas Dörfern?
(c) privat
Am Dienstag hielt Anja Senz, die geschäftsführende Direktorin des Konfuzius Instituts an der Universität Duisburg-Essen, im KWI einen Vortrag zum Thema „Lokale Entscheidungsstrukturen und institutioneller Wandel in der VR China“. Dabei ging es um die Rekonstruktion von Entscheidungen, die man in einem dörflichen Kontext zum Thema Straßenbau getroffen hat. China hat im vergangenen Jahrzehnt durchschnittlich 3% seines BIP investiert, um sein Straßennetz auszubauen, was die Bevölkerung gerade in den ländlichen Regionen als wesentlichen Beitrag zur Armutsbekämpfung betrachtet. Jedoch ist bislang nur wenig darüber bekannt, wie Dörfer ihre Selbstverwaltung im Alltag organisieren und wie sie relevante Entscheidungen treffen. Hier setzt die Untersuchung von Anja Senz an, deren zentrale Frage es ist, inwieweit Entscheidungen durch Individuen und die jeweilige Sachlage geprägt oder aber durch ein pauschales Verfahren geregelt sind. Anhand der sechs analysierten Fallbeispiele zeigte sich, dass eine Vielzahl von Akteuren an den jeweiligen dörflichen Entscheidungen beteiligt war, darunter neben den Mitgliedern des direkt von der Bevölkerung gewählten Dorfkomitees auch der Parteisekretär und das in jedem chinesischen Dorf existierende Parteigremium (Parteizelle).
Das KWI 2011
© Brigitte Krämer
2011 war ein bewegtes Jahr für das Kulturwissenschaftliche Institut Essen: Rund 70 Veranstaltungen hat es in diesem Jahr gemeinsam mit vielen Partnern im Ruhrgebiet und anderswo durchgeführt. Im Januar ging es bei einer großen Tagung in Berlin um den aktuellen Stand der Holocaust-Forschung und im Februar diskutierten wir in Essen über die digitale Kommunikation – und die Frage, wie diese das Selbstverständnis der Intellektuellen einerseits und die Wissenschaftskommunikation andererseits verändert. Der Frühsommer stand ganz im Zeichen unseres Forschungsschwerpunktes Interkultur: Mit Pro Interkultur stellte sich der Bereich der Öffentlichkeit vor und bei der internationalen Tagung Islamic Newthinking sprachen Theologen und Wissenschaftler aus 9 Ländern über die Reformfähigkeit des Islam. Gleich mit zwei Tagungen in München und Paris beschäftigte sich die KlimaKultur im Sommer mit den historischen Dimensionen des Klimawandels. Das Thema Verantwortungskultur geleitete uns durch das ganze Jahr, Höhepunkte waren zwei Tagungen über die Frage, welche Verantwortung für eine nachhaltige Gesellschaft kleine und mittelständische Unternehmen und die Konsumenten selbst tragen. Daneben haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des KWI gut 20 Monografien und Sammelbände veröffentlicht. Große öffentliche Aufmerksamkeit fanden hier insbesondere die Publikationen, die im Forschungsschwerpunkt Erinnerungskultur aus dem Projekt Referenzrahmen des Krieges entstanden sind, allen voran das Buch von Sönke Neitzel und Harald Welzer Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. Auch 2012 beginnt gleich mit prominenten Gästen: Im Januar und Februar kommen Ian Kershaw und Stéphane Hessel nach Essen. Bei zwei Tagungen geht es außerdem um sehr aktuelle Themen: Um die Gemeinschaft und um den Finanzmarkt. Ein ganz besonderes Highlight 2012 ist das Erscheinen des letzten Bandes der Enzyklopädie der Neuzeit – das historische Lexikon widmet sich in 15 Bänden der europäischen Geschichte zwischen 1450 und 1850 unter Berücksichtigung ihrer globalen Kontexte und umfasst damit die Epoche der Frühen Neuzeit und des Zeitalters der bürgerlichen Revolutionen. Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen wird sich 2012 außerdem thematisch neu ausrichten, mehr dazu erfahren Sie im Laufe des kommenden Jahres.
Buddhistische Kunst aus der Mongolei
© Hirmer Verlag 2011
Infolge der rasanten Verbreitung des Kommunismus auf dem eurasischen Kontinent
erfuhr der Buddhismus in der Mongolei, die tragende Säule der mongolischen Kultur, Ende der 1930iger Jahre eine beinahe vollständige Zerstörung. Diese von Carmen Meinert herausgegebenen Bände Buddha in der Jurte in einer deutsch-mongolischen und einer englisch-russischen Ausgabe (Buddha in the Yurt) zeigen eine repräsentative Auswahl aus einer Privatsammlung mongolisch-buddhistischer Kunst. Die Sammlung, eine der größten Europas, ermöglicht einen Blick auf die Vielfalt der mongolisch-buddhistischen Bilderwelt besonders zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert, also noch vor seiner Zerstörung Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie vereint unter anderem Rollbilder (Thangka), Figuren, Miniaturen (Tsaklis), Votivtafelchen (Tshatshas), tragbare Schreine (Gungervaas), Amulette (Gaus) und Ritualgegenstande. Die Prachtbände machen die Sammlung erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. Die Bildbeschreibungen erklären die buddhistische Ikonographie und ermöglichen dem Leser, sich die Symbolwelt der tantrisch-buddhistischen Tradition grundlegend zu erschließen. Eine Einleitung von Carmen Meinert, Research Fellow am KWI, führt in die Entwicklung des Buddhismus in der Mongolei ein. Im Anhang befindet sich ein Glossar mit 450 Einträgen mit Begrifflichkeiten in vier Sprachen (Mongolisch, Sanskrit, Chinesisch, Tibetisch).
Eröffnung des ie3 an der TU Dortmund
© TU Dortmund
Wie sieht die Energieversorgung der Zukunft aus? Wann ersetzen wir fossile Brennstoffe durch umweltfreundliche Energieträger und nachhaltige wirkende Technologien, die sicher und bezahlbar sind? Diese Fragen stehen im Zentrum der Arbeit des Instituts für Energiesysteme, Energieeffizienz und Energiewirtschaft, kurz ie3, das am 7. Dezember an der TU Dortmund eröffnet wurde. Mehr als 120 Wissenschaftler und Gäste aus Industrie und Politik nahmen am feierlichen Gründungskolloquium teil, darunter auch Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, dem Forschungskolleg der Ruhr-Universität Bochum, der Technischen Universität Dortmund und der Universität Duisburg-Essen. Claus Leggewie leitet am KWI den transdisziplinären Forschungsschwerpunkt KlimaKultur. Dieser ist einer der ersten größeren kulturwissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte zum Thema Klimawandel, er beschreitet neue Wege bei der Analyse tiefgreifender kultureller und sozialer Veränderungsprozesse. Bei der Eröffnung des ie3 betonte Claus Leggewie die kulturellen Dimensionen und die Bedeutung eines solchen Instituts. Es wurde deutlich, dass für die Lösung der Frage nach der zukünftigen Energiegewinnung und –nutzung technische und soziologische Kompetenz gleichermaßen nötig sind. Das neu gegründete Institut soll die Forschung zur umweltfreundlichen und wirtschaftlich wie technisch machbaren Energieversorgung stärken. Die Leitung übernehmen Johanna Myrzik, RE-Stiftungsprofessorin für Energieeffizienz, und Christian Rehtanz, Inhaber des Lehrstuhls für Energiesysteme und Energiewirtschaft an der TU Dortmund.
Die Rolle des Konsumenten in der Wirtschaftsethik
© pixelio.de/ Foto: Holger Gräbner
Durch eine bewusste Entscheidung für sozial und ökologisch verträgliche Produkte können Konsumenten einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten. Das ist eine der Übereinkünfte der Tagung „Die Rolle des Konsumenten in der Wirtschaftsethik“, die am 29. und 30. November im KWI stattfand. Die Tagung begann mit der Buchpräsentation des kürzlich erschienenen Sammelbandes
„Die Verantwortung des Konsumenten. Zum Verhältnis von Markt, Moral und Konsum“ durch die Herausgeber Ludger Heidbrink, Imke Schmidt und Björn Ahaus und einer Paneldiskussion zum Thema. Im Mittelpunkt stand die Debatte, wie man nachhaltige Konsummuster fördert: Neben Verbraucherbildung und -rechten wurde auch die Möglichkeit diskutiert, geschickte Anreize für einen nachhaltigen Konsum zu setzen. Man war sich einig, dass nur ein Zusammenspiel der einzelnen Konsumenten, Unternehmen und der Politik eine nachhaltige Entwicklung fördern könne. Der anschließende Abendvortrag von Josef Wieland (Hochschule Konstanz) zum Verhältnis von Konsumenten- und Unternehmensethik eröffnete die internationale Tagung, an der Wissenschaftler aus den USA, Australien und Europa zusammenkamen, um die Rolle des Konsumenten aus der Sicht der Wirtschafts- und Unternehmensethik zu diskutieren. Durch lebhafte Kontroversen wurde deutlich, dass eine Ethik des Konsums sehr unterschiedliche Facetten vom ehrlichen Einkauf bis hin zum umfassend nachhaltigen Lebensstil aufweist. Einstimmig war man dabei der Meinung, dass Konsumenten über ihr Kaufverhalten durchaus großen Einfluss auf die Strategien von Unternehmen haben. Welchen moralischen Status sie dabei neben den Unternehmen jedoch genau einnehmen und in welchem Verhältnis ihre Verantwortung zu der von Unternehmen steht, muss sowohl in theoretischer als auch in empirischer Hinsicht noch weiter geklärt werden.
„Was uns bleibt, sind die Bücher“
© Stiftung Mercator / Foto: Uta Wagner
„Wenn ich heute um mich sehe, sehe ich nichts Festes mehr“, so der Autor und Verleger Michael Krüger am Mittwochabend in Essen. „Auch die Institutionen, die einen vor einiger Zeit noch entlasteten und schützten, werden flüssig. Es mag erstaunen, dass jemand meiner Profession das heute noch so sieht, aber was uns bleibt, sind die Bücher. Die Festigkeit der Bücher, der Stimme und der Worte.“ Michael Krüger, 1943 in Wittgendorf geboren, wuchs in Berlin auf, arbeitete als Lektor und ist seit Mitte der achtziger Jahre Leiter des Hanser Verlags in München. Für seine literarischen Texte, die im Suhrkamp Verlag erscheinen, ist er vielfach ausgezeichnet worden, so zuletzt mit dem Joseph-Breitbach-Preis 2010, dem höchstdotierten deutschen Literaturpreis. Am 23. November war er zu Gast im Literarischen Salon in Essen, einer Initiative des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI), unterstützt von der Stiftung Mercator und dem Schauspiel Essen.
3. Spiekerooger Klimagespräche
© pixelio.de / Foto: Andreas Dengs
Zentrales Gesprächsthema bei den 3. Spiekerooger Klimagesprächen war die Vernetzung der Akteure, die sich für eine nachhaltigere Gesellschaft engagieren. Rund 30 Referenten aus Wissenschaft, Beratung, Design, Publizistik und verschiedenen gesellschaftlichen Organisationen trafen sich zu diesem Zweck vom 17. November bis 19. November auf der Nordseeinsel. Als Ziele hielten die Beteiligten fest: Bürgerinnen und Bürger müssen kommunal stärker an Entscheidungsprozessen beteiligt werden, Ziele müssen konkreter formuliert werden statt nur allgemeine Werte auszugeben und unternehmerische Strategien müssen sich an Lebensstilen und Praktiken orientieren statt an Produkten. Die Thesen und praktischen Vorschläge, die auf der Tagung erarbeitet wurden, werden demnächst in einer Publikation zusammengefasst und sind online bereits jetzt zu finden unter www.spiekerooger-klimagespraeche.de.
Lesart Spezial mit Gudrun Krämer und Stefan Weidner: „Der arabische Herbst"
© Buchhandlung Proust
Das erste Halbjahr 2011 hat große politische Veränderungen für weite Teile der arabischen Welt mit sich gebracht. Nachdem die Demokratiebewegung weltweit hoffnungsvoll als arabischer Frühling bezeichnet wurde, stellt sich nun die Frage: Wie wird der arabische Herbst? Wird sich ein säkularer, demokratischer Staat etablieren? Und welche Voraussetzungen haben die einzelnen Länder? Zu diesen Fragen hatte das KWI am 14. November gemeinsam mit Deutschlandradio Kultur und der Buchhandlung Proust die Islamwissenschaftler Gudrun Krämer und Stefan Weidner eingeladen. Gudrun Krämer stellte ihr Buch „Demokratie im Islam” vor, Stefan Weidner präsentierte den Band mit Zeitungskolumnen von Alaa al-Aswani „Im Land Ägypten“. Über die aktuelle Situation in den arabischen Ländern betonte Gudrun Krämer: „Sehr viele der Leute, die betroffen sind - und zwar nicht nur Intellektuelle - wissen, was Politökonomie ist, auch ohne das Wort zu kennen. Sie wissen, dass sie in einem korrupten, klientelistischen System keinen Arbeitsplatz und keine vernünftige Stelle und keine lebenswerten Bedingungen bekommen, dass sie also das politische System angehen müssen, um auch ökonomisch voranzukommen.“ Die Gäste waren sich einig, dass dies zwar keine leichte Aufgabe sei – es aber dennoch Anlass zur Hoffnung bedeute, dass dieses Bewusstsein so breit in der Bevölkerung der arabischen Länder verankert sei. Die vollständige Sendung können Sie hier anhören.
Die Matrix der menschlichen Entwicklung
© de Gruyter 2011
Forschungen zur Entwicklung des Menschen erleben gegenwärtig unter dem Einfluss neuer methodischer Möglichkeiten in den beteiligten Disziplinen eine spektakuläre Neuorientierung. Interaktion, Sprache und Kultur zählen nunmehr zu den Schlüsselbegriffen der Theoriebildung. Neue Fragen stellen sich: Was genau bewirkt Interaktion? Wie sind Entwicklung und Erwerb in diesem Rahmen zu rekonstruieren? Worin besteht das besondere Potential der Sprache? Wie spielen evolutionsbiologische, entwicklungstheoretische, kulturvergleichende, linguistische und interaktionstheoretische Erkenntnisse zusammen? An den Schnittstellen zwischen Anlage, Umwelt und sozialer Erfahrung in der Entwicklung werden in diesem Buch die Prozesse und Ressourcen der sozialen Matrix empirisch rekonstruiert. Die Beiträge erörtern die evolutionären Entstehungsbedingungen von Schlüsselfähigkeiten wie kulturelles Lernen, vorsprachliche Verständigung, Sprache und ihren Erwerb, „Theory of Mind“, autobiographisches Gedächtnis sowie den Zugang zu Kulturtechniken wie Schreiben. Sie eröffnen neue Perspektiven auf Sprache und Verständigung, ihr anthropologisches und kulturelles Fundament sowie auf die Rolle von Sprache und Kultur in der Genese des Menschen. „Die Matrix der menschlichen Entwicklung“ erschien im Rahmen der interdisziplinären Forschungsgruppe „Was ist der Mensch? Kultur, Sprache, Natur“ der TU Dortmund und des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.
Erzählte Zukunft. Zur inter- und intragenerationellen Aushandlung von Erwartungen.
© Wallstein Verlag 2011
Zukunft begegnet uns täglich in vielen Facetten: Ob die unmittelbar bevorstehende Begegnung mit anderen Menschen, die erhoffte Entwicklung der eigenen Kinder, langfristige Lebensziele oder, in einem globaleren Sinne, die Antizipation von sozialem, politischem und wirtschaftlichem Wandel. Die Fähigkeit, Zukunft zu imaginieren und zu erzählen, hängt dabei wesentlich von der aktuellen Lebenssituation ab und wird von zahlreichen Faktoren wie Alter, Milieu oder kulturelle Prägung beeinflusst. Die Autorinnen und Autoren von „Erzählte Zukunft“ untersuchen in ihren jüngeren qualitativen Studien aus der Biographie-, Tradierungs- und Gedächtnisforschung, inwiefern sich Zukunftserwartungen aus der Erinnerung der Vergangenheit und Deutung der Gegenwart speisen, und stoßen dabei auch auf Wechselwirkungen: Die Zukunftsprojektionen haben ihrerseits Einfluss auf die Interpretation der Gegenwart und den Rekurs auf spezifische Erinnerungsbestände. Der Band wurde herausgegeben von Jens Kroh und Sophie Neuenkirch im Rahmen des Projektes von „Comparative Family History“.
Nachhaltigkeit in urbanen Ballungsräumen: Bogotá und Essen im Dialog
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Klimawandel, Ressourcenverbrauch und auch die aktuellen Wall-Street-Proteste gegen das zunehmende Gefälle zwischen Arm und Reich zeigen, dass Öko- und Sozialsysteme an ihre Grenzen stoßen. Der Begriff der „nachhaltigen Entwicklung“, also einer sozial und ökologisch langfristig verträglichen Lebensweise, ist daher in aller Munde und prägt die politischen Debatten. Schnell gerät dabei der einzelne Bürger aus dem Blick, dessen Partizipation und Bereitschaft zur Veränderung alltäglicher Gewohnheiten und Handlungspraktiken es jedoch bedarf, wenn politische Maßnahmen oder auch technologische Innovationen fruchtbar sein sollen. Um „Nachhaltigkeit in urbanen Ballungsräumen“ geht es am 15. November im KWI: Carolina Castro Osorio, aktuell „Scholars-in-Residence“, spricht über diese Fragen am Beispiel der Stadt und Region Bogotá. KWI-Fellow Björn Ahaus refereriert über die Spezifika der Stadt Essen und der Ruhrregion anhand des Projekts „Klima-Initiative Essen. Vom Wissen zum Handeln in einer neuen Klimakultur“. Der Vergleich der urbanen Ballungsräume Bogotá und Essen bzw. Ruhrgebiet bietet die besondere Möglichkeit, gesellschaftliche Dynamiken, Konflikte und auch kulturelle Innovationen in globaler Perspektive zu erfassen und die Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung aus der Sicht der Bürger zweier Kontinente zu diskutieren.
Tagung: Die Rolle des Konsumenten in der Wirtschaftsethik
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Wer im Supermarkt vor dem Regal steht, entscheidet selbst, was er kauft: Bohnen aus Ägypten oder Bio-Gemüse aus dem Umland? Den billigsten Kaffee oder doch das Fairtrade-Produkt? Können Verbraucher verhindern, dass Bauern in Afrika ausgebeutet, Tiere in Masthaltung gequält oder Waren zu Lasten des Klimas vom anderen Ende der Welt importiert werden? Konsumenten üben einen maßgeblichen Einfluss auf marktwirtschaftliche Prozesse aus, in der Wirtschaftsethik-Forschung wurden sie bisher jedoch nur wenig beachtet. Auf der Tagung „Die Rolle des Konsumenten in der Wirtschaftsethik“ nehmen deshalb am 29. und 30. November Experten das Verhältnis von Konsumenten- und Unternehmensverantwortung genauer in den Blick. Eröffnet wird die Tagung mit einer Buchvorstellung von „Die Verantwortung des Konsumenten. Zum Verhältnis von Markt, Moral und Konsum“ (Oktober 2011, Campus Verlag) und einem öffentlichen Abendvortrag von Josef Wieland von der Hochschule Konstanz.
„Kultur, Kooperation, Kreativität: Über Globale Kulturkonflikte und transkulturelle Kooperation“.
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Die historische Erfahrung zeigt, dass Kulturen – trotz ihrer notorisch offenen Grenzen – auf Selbsterhaltung drängen und vor allem solche Einflüsse akzeptieren, die der eigenen Stärkung dienen. Ob und wie diese Tatsache die Möglichkeiten globaler Kooperation einschränkt, wird ab Februar 2012 ein Cluster des „Käte Hamburger Kollegs: Politische Kulturen der Weltgesellschaft“ untersuchen. Am 11. Oktober fand im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) der zweite vorbereitende Workshop für das neue Kolleg statt: Unter dem Titel „Kultur, Kooperation, Kreativität: Über Globale Kulturkonflikte und transkulturelle Kooperation“ tauschten sich Experten über Konzepte von Inter- bzw. Multikulturalität in kultursoziologischer Perspektive aus. Sie diskutierten über „teilbare“ und „unteilbare“ Konflikte und betrachteten kosmopolitische, ethnozentrische, religiöse und ethnische Narrative lokaler Traditionsbestände. Unter den Teilnehmenden waren Frank Adloff (Erlangen), Richard Bettmann (KWI), Navid Kermani (KWI), Ronald Kurt (Bochum), Helma Lutz (Frankfurt/Main), Carmen Meinert (KWI), Sighard Neckel (Frankfurt/Main), Jo Reichertz (Universität Duisburg-Essen), Erhard Schüttpelz (Siegen), Hans-Georg Soeffner (KWI), Dietmar J. Wetzel (Bern) und Darius Zifonun (Berlin). Eingeladen hatte Claus Leggewie, der Direktor des KWI, gemeinsam mit Tobias Debiel vom Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) und Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Im Interview beantworten zwei der Gäste die Frage, ob kulturelle Differenz globale Kooperation erschwert und welche Rolle Macht dabei spielt:
Informationen über den ersten Workshop, der unter dem Titel „Is the world the limit?“ im DIE stattfand, finden Sie hier.
Jean-Jacques Rousseau – Die Ursprungserzählungen
Der zweisprachigen deutsch-französischen Tagung „Jean-Jacques Rousseau – Die Ursprungserzählungen“, die vom 6. bis 8. Oktober im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen stattfand, lag ein Thema zugrunde, das für eine Vielzahl von Disziplinen Anknüpfungspunkte bietet. Unter den Teilnehmern waren Soziologen, Pädagogen, Literaturwissenschaftler, Philosophen, Romanisten und Politikwissenschaftler. Trotz unterschiedlichster disziplinärer Vorgaben und Ansätze gab es einen breiten Konsens darüber, dass die Rolle des „Ursprungs“ im Denken Rousseaus bisher kaum die ihr eigentlich gebührende Aufmerksamkeit erhalten hat. Dabei spielt die Frage nach der Geschichte und ihrer Bedeutung für das Wissen über den Menschen und die Gesellschaft eine besondere Rolle: Es wurde in einigen Vorträgen deutlich, dass Rousseau dem Gang der Geschichte, und damit vor allem auch dem Ursprung als Anfang und immer wieder sich ereignenden Wendepunkt in der Geschichte, eine hohe Plausibilität zuweist. Sicher ist Rousseau in dieser Hinsicht ganz „Kind“ seiner Zeit, in der die aufklärerische Vorstellung von einem stetigen Fortschritt in der Geschichte nachdrücklich unterstreicht, dass historischen Phänomenen ein beachtliches Erklärungspotential zukommt. Die Vortragenden Blaise Bachofen (Paris), Manfred Schneider (Bochum) und Luc Vincenti (Montpellier) hoben hervor, dass Vernunft, Wissen und Freiheit als wichtige Elemente des historischen Fortschritts auch bei Rousseau betrachtet werden. Zugleich aber – dies wurde in den Ausführungen von Gabrielle Radica (Amiens), Jacques Berchtold (Paris) sowie Alfred Hirsch (Essen) deutlich – wendet sich das Denken des Ursprungs bei Rousseau auch ganz offensichtlich provokativ gegen die zeitgenössische Vorstellung eines historischen Fortschritts. In weiteren Vorträgen (Karlfriedrich Herb, Regensburg und Anne Chamayou, Perpignan) wurde freigelegt, dass für Rousseau das Denken des Ursprungs und der Geschichte anschaulich machen, wie es zu dem gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft hat kommen können. In anderen Vorträgen wie etwa von Georg Eckert (Wuppertal) oder Michaela Rehm (Bielefeld) wurde hervorgehoben, dass Rousseau das Denken des Ursprungs und der Geschichte vor allem dazu nutzt, eine moralische Kritik der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen seiner Zeit – und vielleicht der heraufziehenden Moderne insgesamt – zu formulieren. Gemäß Rousseau wird der Ursprung – und mit ihm nahezu synonym gebraucht: die Natur – zu einem Optimalzustand, an dem sich jede menschliche und gesellschaftliche Realität zu messen hat.
Mut statt Wut. Aufbruch in eine neue Demokratie
© Körber Stiftung
Die jüngsten Aufstände in der arabischen Welt zeigen erneut: Die Demokratie hat nichts von ihrer Strahlkraft verloren. Und doch macht sich in den westlichen Ländern seit etlichen Jahren Politikverdrossenheit breit. Selbst in freiheitlichen Gesellschaften stellt man einen rasanten Verlust des Vertrauens vor allem in die Parteiendemokratie fest. Wie passen diese Entwicklungen zusammen? Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI), analysiert in dieser Streitschrift die Beziehung zwischen der Zivilgesellschaft und den klassischen politischen Institutionen. Ausgehend vom Phänomen des „Wutbürgertums“ und einer sich verändernden Engagement- und Protestkultur in Europa zeigt er, wie sich die Vorstellungen von Politik und Demokratie gewandelt haben. Wie werden aus Wutbürgern Mutbürger? Welche Formen politischen Engagements sind zukunftsfähig? Wie können junge Menschen mobilisiert werden und Selbstwirksamkeit erfahren? Claus Leggewie wird sein Buch am 13. Oktober auf der Buchmesse in Frankfurt vorstellen, seit dem 5. Oktober bloggt er außerdem zum Thema auf www.mutstattwut.de.
Die Verantwortung des Konsumenten. Über das Verhältnis von Markt, Moral und Konsum
© Campus Verlag
In der jüngsten Zeit hat sich das Verhalten von Konsumenten stark verändert: Immer mehr Verbraucher legen Wert auf nachhaltige Produkte, die Einhaltung von Sozialstandards und faire Handelsbeziehungen. „Verantwortung“ ist zu einem wichtigen Faktor des Konsums geworden. Doch worin genau besteht die Verantwortung des Konsumenten, welche Bedeutung hat sie für die Entwicklung der Marktwirtschaft und der Konsumgesellschaft? Das Buch „Die Verantwortung des Konsumenten“, das am 4. Oktober im Campus Verlag erschien, wirft einen aktuellen Blick auf die Grenzen des Wachstums und entwickelt Vorschläge für die nachhaltige Gestaltung der Zukunft. Herausgegeben wird es von Ludger Heidbrink, dem Direktor des Centers for Responsibility Research (CRR) am KWI sowie Imke Schmidt und Björn Ahaus. Am 29. November wird das Buch in Essen im Rahmen der Tagung „Consumer Ethics and Business Ethics“ vorgestellt. Entstanden ist die Publikation im Rahmen des Projekts „Konsumentenverantwortung - Neue Macht und Moral des Verbrauchers“.
Konferenz zur gesellschaftlichen Verantwortung: CSR-Impulse und Strategien für erfolgreiche Unternehmen in NRW
© Dialog Verantwortung
Für die meisten großen Firmen ist Corporate Social Responsibility seit Jahren ein wichtiges Thema – aber wie können besonders kleine und mittelständische Unternehmen eine nachhaltige Führungsstrategie entwickeln? Welche Konzepte lassen sich in welchem Betrieb umsetzen? Und kommt man gemeinsam mit wissenschaftlicher Unterstützung und zivilgesellschaftlichen Initiativen möglicherweise zu besseren Ergebnissen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Kongresses „CSR-Impulse und Strategien für erfolgreiche Unternehmen in NRW“, den das Kulturwissenschaftliche Institut Essen gemeinsam mit dem Labor für Organisationsentwicklung an der Universität Duisburg-Essen und dem Wirtschaftsministerium NRW in Mülheim initiiert hat. Dort tauschten sich am 8. September kleine, mittelständische und große Unternehmen, Vertreter von Hochschulen, Regierung sowie der Bürgergesellschaft gemeinsam über die gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaft in NRW aus. Über 200 interessierte Teilnehmer kamen im Aquatorium in Mülheim zusammen, um neben Vorträgen über erfolgreiche Unternehmensbeispiele an Workshops zu den Themen Demographischer Wandel, Integration, Klimaschutz/Ressourceneffizienz sowie Bildung und Innovation teilzunehmen. Ziel war es, eine gemeinsame Plattform zu etablieren, die dazu beiträgt, das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen zu fördern, den Austausch von Praxisbeispielen und Wissen zu verbessern und die CSR-Aktivitäten in Nordrhein-Westfalen stärker zu vernetzen.
Literarischer Salon: Mathias Énard zu Gast in Essen
© Stiftung Mercator / Foto: Uta Wagner
Wie schafft es ein Autor, einen derart dichten und allumfassenden Roman wie „Zone“ zu schreiben? Diese Frage beschäftigte die Gastgeber Navid Kermani und Claus Leggewie, als sie am 21. September den französischen Autor Mathias Énard im „Literarischen Salon“ in Essen begrüßten. Das Mittelmeer-Epos „Zone“ beschreibt die Zugfahrt eines ehemaligen französischen Geheimagenten von Mailand nach Rom. Die Reise ist von Assoziationen und Erinnerungen an antike Schlachten, Gewalt, Verbrechen und Kriege durchsetzt. Der Text bezieht unzählige historische und literarische Quellen ein - und ist inspiriert von Homers Ilias, Joyces Ulysses oder dem titelgebenden Gedicht von Guillaume Apollinaire. Énard berichtete von seinen umfassenden Recherchearbeiten für „Zone“: von Gesprächen mit Zeitzeugen, unveröffentlichten Memoiren eines umstrittenen Balkan-Kriegsberichterstatters oder seinen eigenen Erfahrungen in der arabischen Welt. So ging es auch um die politische Zukunft in Tunesien, Ägypten, Libyen und Algerien, die Énard verhalten pessimistisch beurteilte. Außerdem brachte der Autor ausgewählte Musikstücke mit, die zum Thema des Abends passten. Der Literarische Salon in Essen ist eine Initiative des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und wird unterstützt von der Stiftung Mercator und dem Schauspiel Essen. Der nächste Literarische Salon findet am 23. November mit den Schriftsteller und Verleger Michael Krüger statt.
Lesart Spezial mit Frank-Walter Steinmeier: „Soziale Demokratie heute. Tony Judts Traktat über unsere Unzufriedenheit“
© KWI
Am 16. September war Frank-Walter Steinmeier, Bundesaußenminister a.D. und Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, zu Gast bei Lesart Spezial. Mit Claus Leggewie, dem Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI), sprach er darüber, wie man die Gerechtigkeit in einem krisengeschüttelten Europa schützen kann. Sie diskutierten über Tony Judts „Dem Land geht es schlecht: Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit“ (Hanser Verlag, München 2011) und über „Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein“ (Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2009) des Soziologen Jeremy Rifkin. „Demokratie hat auf Dauer keine Chance ohne soziale Balance“, sagte Steinmeier. Es habe sich insbesondere durch die Finanzkrise gezeigt, dass die Politik ihre Verantwortung wieder stärker wahrnehmen müsse. Er betonte weiter, dass ein regulierender Staat sehr wohl positiv Einfluss nehmen könne: Die Energiepolitik sei ein treffendes Beispiel dafür, dass auch durch staatliche Förderungen und Subventionen Wirtschaftszweige wie Solarenergie oder Biomasse-Nutzung angeschoben werden könnten, die allein durch den freien Markt sich nicht erfolgreich hätten entwickeln können. Dazu passe auch eine Energiepartnerschaft im Mittelmeerraum und mit den neuen Demokratien im Nahen Osten. Die Veranstaltung wird gemeinsam vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI), Deutschlandradio Kultur, der Buchhandlung Proust und dem Schauspiel Essen ausgerichtet. Ein Teil der Veranstaltung wurde am Sonntag, 18. September 2011 von 12.30 Uhr bis 13.00 Uhr im Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt und kann hier angehört werden.
Neuerscheinung: „Der Führer war wieder viel zu human, viel zu gefühlvoll“. Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht deutscher und italienischer Soldaten.
© Fischer Verlag
Wie sprachen deutsche und italienische Soldaten über den Krieg, das Töten, die Gefangenschaft, die Kriegsverbrechen, ihre Gegner, ihre Verbündeten, ihre Nation und Führung? Was ließ die Wehrmachtsoldaten im Gegensatz zu den Angehörigen der italienischen Streitkräfte selbst in fast aussichtslosen Situationen noch weiterkämpfen? Ein internationales Team ging im Rahmen der Forschungsprojekte „Referenzrahmen des Krieges“, die „Dynamik des Tötens“ und „Kriegswahrnehmung und Kollektivbiographie“ diesen Fragen nach. Die Grundlage bildeten mehr als 150.000 Seiten Abhörprotokolle, welche britische und amerikanische Nachrichtendienste während des Zweiten Weltkrieges erstellt haben. „Der Führer war wieder viel zu human, viel zu gefühlvoll“ erschien gerade im Fischer Verlag, herausgegeben von Harald Welzer, Sönke Neitzel und Christian Gudehus. Die Historiker, Soziologen und Sozialpsychologen geben einen vertieften Einblick in das facettenreiche Aktenkonvolut und analysieren in vergleichender Perspektive auch die Wahrnehmung inhaftierter Soldaten aus Japan und Österreich. Nach Sönke Neitzels und Harald Welzers viel beachtetem Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen. Töten und Sterben“ (2011) bieten die Ergebnisse dieser Studien eine weiterführende Sicht auf die Mentalitätsgeschichte der Armeen der Achsenmächte und der alliierten Geheimdienste. Am Dienstag, den 27. September 2011 stellen die Fritz-Thyssen-Stiftung und die Gerda-Henkel-Stiftung das Buch in Köln vor.
Das KWI im Sommer
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Auch in diesem Jahr hat das KWI-Team „Geistesblitze“ sich wieder am Essener Drachenboot-Rennen auf dem Baldeneysee beteiligt: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler paddelten auf den 2. Platz im B-Finale des Valonti Cups. So startete das KWI aktiv in einen Sommer, in dem dieses Mal von Pause keine Rede sein kann: Am 5. und 6. August fand der Auftakt zum neuen Forschungsprojekt „Climates of Migration“ in München statt. Auf der Tagung, die das KWI gemeinsam mit dem Rachel Carson Center ausrichtete, sprachen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 21 Ländern über historische und aktuelle Beispiele klimabedingter Migration – dabei ging es unter anderem um aktuelle Umsiedlungsbemühungen von Küstendörfern in Alaska oder die chinesische Einwanderungswelle nach Australien im 19. Jahrhundert. Am 23. August organisieren wir den dritten Abend der neuen Veranstaltungsreihe CineScience im Filmstudio Glückauf – hier stehen die psychologischen Manipulationen des bekannten und umstrittenen Zauberkünstlers Derren Brown im Fokus. Und schon Anfang September geht es weiter: Mit einer Tagung zur Historischen Klimatologie am Deutschen Historischen Institut Paris (5. bis 6. September 2011). In Essen wird es schließlich am 8. September um Corporate Social Responsibility gehen – Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft in NRW tauschen sich über nachhaltige Unternehmensführung aus. Weitere Termine finden Sie wie immer unter: www.kulturwissenschaften.de/home/veranstaltungen.html.
Gastwissenschaftler in Essen: Die neuen „Scholars in Residence“ stehen fest
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Das internationale wissenschaftliche Austauschprogramm „Scholars in Residence“ geht in die dritte Runde: Ab Oktober 2011 kommen insgesamt fünf ausländische Gastwissenschaftler zu einem Forschungsaufenthalt nach Essen, darunter eine Umweltingenieurin aus Tokio, ein Genozidforscher aus Los Angeles und eine Konfliktforscherin aus Neu-Delhi. Gemeinsam mit ihren deutschen Austauschpartnern entwickeln sie neue Forschungsprojekte und vernetzen sich interdisziplinär mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Region. Das Residenzprogramm ist eine Kooperation zwischen dem Goethe-Institut und dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI). Die Gastaufenthalte dauern jeweils sechs bis acht Wochen, im Anschluss an den Besuch in Essen folgt die Rückbegegnung im Ausland. Weitere Informationen finden Sie hier.
Was tun, wenn alles falsch ist?
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Es gibt im Alltag immer wieder Situationen, in denen sich keine richtige Entscheidung fällen lässt, weil die vorhandenen Entscheidungsalternativen sich gegenseitig ausschließen. Am 15. Juli fand im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) gemeinsam mit dem Institut für Philosophie der Universität Potsdam die Tagung „Was tun, wenn alles falsch ist? Moralische Dilemmata in der Ethik“ statt. Die Teilnehmer, die aus den Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen sowie Amsterdam, Köln und Potsdam stammten, setzten sich mit der Frage auseinander, wie sich trotz bestehender Dilemmata begründete Handlungsentscheidungen finden lassen. Neben der genaueren Bestimmung von Dilemmata wurden mögliche Lösungswege diskutiert, die beim Umgang mit schwerwiegenden Konflikten, etwa bei der medizinischen Versorgung suizidgefährdeter Patienten oder der genetischen Diagnostik von Erbkrankheiten, helfen können. Dabei wurde deutlich, dass es kein Patentrezept gibt, sondern der Umgang mit Dilemmata unter anderem davon abhängt, wie viel Wissen und Informationen zur Verfügung stehen und auf welche Normen und Werte bei der Entscheidungsfindung zurückgegriffen wird. Einigkeit bestand darin, dass das Problem moralischer Dilemmata nicht nur für die philosophische Ethik relevant ist, sondern in pluralistischen Gesellschaften eine zunehmende alltagspraktische Bedeutung gewinnt, die professionelle Diagnose- und Beratungskonzepte erforderlich macht. Den ausführlichen Tagungsbericht finden Sie hier als
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Dissertationspreis Kulturwissenschaften 2011 verliehen
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Am 6. Juli 2011 hat der Förderverein des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) zum dritten Mal den Dissertationspreis Kulturwissenschaften verliehen. Mit der Preisvergabe werden jährlich zwei hervorragende Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern der Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR) in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften ausgezeichnet. In diesem Jahr wurde Anja-Désirée Senz von der Universität Duisburg-Essen für ihre Dissertation „Wer bestimmt in Chinas Dörfern? Lokale Entscheidungsstrukturen und institutioneller Wandel in der VR China“ mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Anhand von sechs lokalen Fallbeispielen zeigt diese Untersuchung auf, wie lokale Entscheidungen – etwa zu Infrastruktur oder dem Bildungswesen – in chinesischen Dörfern getroffen werden und welche Rolle dabei Institutionen spielen. Das empirische Datenmaterial basiert auf einer mehrmonatigen Feldstudie, die die Wissenschaftlerin in drei chinesischen Provinzen erhoben hat. Der zweite Preis ging an Raphael van Riel von der Ruhr-Universität Bochum. Seine Arbeit trägt den Titel „The concept of reduction – an identity-based approach“. Darin beschäftigt sich van Riel mit der wissenschaftstheoretischen Debatte über das Konzept der Reduktion. Er entwickelt hierbei einen eigenen Begründungsansatz, der das Denken über die Einheit der Welt und die Pluralität der spezialisierten Einzelwissenschaften verbindet.
Tagung „Islamic Newthinking – in Honor of Nasr Abu Zayd”
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„Nicht nur der Westen will wissen, ob die islamischen Gesellschaften sich dem säkularen Leben öffnen können. Auch viele Muslime stellen diese Frage” (Berliner Zeitung). Und auch innerhalb der islamischen Welt gibt es Theologen, die sich ihrer intellektuellen Pflicht als Vordenker eines „Islamic Newthinking“ bewusst sind und das Bestreben nach einer zeitgemäßen Auslegung des Islam verfolgen. Vom 26. bis 28. Juni fand im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) die internationale Tagung „Islamic Newthinking – in Honor of Nasr Abu Zayd“ statt. Erstmals kamen führende Gelehrte aus aller Welt zu einer rein innerislamischen Debatte zusammen. Anlass war das Gedenken an den am 5. Juli 2010 verstorbenen Wissenschaftler Nasr Hamid Abu Zayd – einer der führenden muslimischen Denker unserer Zeit. Zum Auftakt sprach sich der iranische Theologe Mohammad Mojtahed Shabestari in seinem Vortrag „Nasr Abu Zayds Vermächtnis: Perspektiven des Islamic Newthinking“ für eine neue Hermeneutik des Korans aus. Wie unterschiedlich und zugleich vielversprechend die Perspektiven einer „neuen islamischen Denkweise“ sind, zeigte sich anhand der kontroversen Roundtable-Diskussionen an den beiden darauffolgenden Veranstaltungstagen. Ausgehend von Inputreferaten diskutierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – unter ihnen auch Ebtehal Younes, die Frau des verstorbenen Nasr Abu Zayd - etwa über Feminismus im Islam, über Demokratie und über eine Kritik des religiösen Diskurses. Gastgeber der Tagung, die in Kooperation mit der Universität Zürich stattfand, waren Katajun Amirpur (Universität Zürich) und Claus Leggewie (KWI). Audio-Podcasts aller Beiträge und Diskussionen sowie das Abschluss-Statement und einen ausführlichen Tagungsbericht finden Sie hier .
NRW-Klimaschutzminister Johannes Remmel eröffnet Graduiertenkolleg
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Stehen persönliche Eigeninteressen des Einzelnen einer nachhaltig orientierten Klimapolitik entgegen? Wie kann die Bevölkerung über Klimaschutzmaßnahmen mitbestimmen – und braucht es vielleicht sogar neue Partizipationsmöglichkeiten im politischen Prozess? Über diese Fragen diskutierten am 6. Juli im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) der Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, Johannes Remmel, Stefan Taschner von Bürgerbegehren Klimaschutz e.V. und Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Johannes Remmel machte deutlich, dass eine nachhaltige Klimapolitik nur umgesetzt werden könne, wenn man sich auf ein klares, gemeinsames Ziel einige, die Bürger an diesen Prozessen teilhaben lasse und wenn die einzelnen Klimaschutzinitiativen eine gezielte politische Interessensvertretung aufbauen. Oliver Geden zeigte sich skeptisch, ob erweiterte Partizipationsmöglichkeiten zwingend politische Klimaschutzbemühungen befördern. So gäbe auf der regulatorischen Ebene, beispielsweise bei der Festlegung von Effizienzstandards, noch erhebliche Spielräume für die politischen Entscheidungsträger, die keine Beteiligung der Bevölkerung verlangten. Unabhängig davon sei die Erweiterung der Partizipation aber ein Ziel, das es zu verfolgen lohne, um die Demokratie neu zu beleben. Stefan Taschner stellte heraus, dass die Bürger nicht erst beteiligt werden dürfen, wenn die Projektplanungen bereits begonnen haben. Die Podiumsdiskussion „Partizipation als Garant für eine erfolgreiche Klimapolitik und Energiewende?“ fand anlässlich der Eröffnung des Graduiertenkollegs „Herausforderung der Demokratie durch den Klimawandel“ statt. Es ist Kolleg des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und der Hans Böckler Stiftung und beschäftigt sich in den kommenden zwei Jahren mit dem Spannungsfeld zwischen Klimapolitik und demokratischer Beteiligung. Das Promotionskolleg schließt mittels empirischer Fallstudien und vergleichender Analysen an die aktuelle theoretische und empirische Demokratieforschung an. Es nimmt mit der Legitimität und Performanz nationaler und supranationaler Klimapolitik ein noch wenig beleuchtetes Problemfeld in den Blick. Die Forschungsvorhaben eruieren Lösungsvorschläge, um Herausforderungen des Klimawandels für die Demokratie sowie durch die Demokratie zu bewältigen.
Wirtschaftsethik zwischen den Kulturen
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Die Globalisierung ökonomischer Prozesse wirft in wachsendem Maß die Frage auf, wie in unterschiedlichen Ländern und Kulturen mit wirtschaftsethischen Regeln und Leitlinien umgegangen wird. Am 21. Juni fand im Kulturwissenschaftliche Institut Essen gemeinsam mit dem Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen die internationale Tagung „Business Ethics in between Cultures. Principles, Values, and Norms in Intercultural Economic Processes” statt. Die Teilnehmer aus den USA, Vietnam und der Schweiz sprachen über den Einfluss der islamischen und asiatischen Kultur auf die Marktwirtschaft, den Umgang mit geistigem Eigentum und Sozialstandards in China. Auch über die so genannte „ISO 26000-Guideline“ und den Global Compact der UN wurde gesprochen, die Unternehmen dazu verpflichten, Regeln der gesellschaftlichen Verantwortung und die Menschenrechte einzuhalten. Auf der Tagung wurde deutlich, dass es trotz kultureller Differenzen zwar eine zunehmende Akzeptanz von sozialen und ökologischen Grundregeln in der Wirtschaft gibt, in der Umsetzung jedoch noch ländertypische und regionale Unterschiede bestehen. Eine Herausforderung der Zukunft besteht darin, privatwirtschaftliche Unternehmen und zivilgesellschaftliche Organisationen stärker in politische Abstimmungsprozesse einzubinden, um kulturspezifische Umsetzungshindernisse abzubauen und die Chancen nachhaltiger Kooperationen zu erhöhen.
„Der letzte Welzer“ im Grillo-Theater
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Am 21. Juni stellte Harald Welzer im Café Central des Grillo-Theaters Essen drei seiner kürzlich veröffentlichten Bücher vor. Seine zusammen mit Sönke Neitzel verfasste Studie „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“, den Sammelband „Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung“, den er gemeinsam mit Klaus Wiegandt herausgegeben hat, und schließlich den Kunstband „New Pott. Neue Heimat im Revier“; herausgegeben in Zusammenarbeit mit Mischa Kuball. Harald Welzer, der in diesem Jahr das Ruhrgebiet in Richtung Berlin verlassen wird, bot seinen Zuhörern an diesem Abend eine vielfältige Mischung an Mentalitätsgeschichte, Klimaverantwortung und Revierkultur. Gemeinsam mit dem Geschäftsführer von RUHR.2010, Oliver Scheytt, diskutierte er auch über die Vorzüge seiner zehnjährigen Tätigkeit am KWI: die schöpferische Atmosphäre und der Teamgeist an diesem Forschungsinstitut habe ihm eine Produktivität ermöglicht, die andernorts nicht möglich gewesen wäre. Besonders hob er die interdisziplinäre Ausrichtung des Instituts und das im Vergleich zu anderen akademischen Institutionen sehr niedrige Durchschnittsalter des Kollegiums hervor. „Das waren sehr erfolgreiche und spannende zehn Jahre“, sagte Welzer, „die es an keiner anderen Institution so gegeben hätte.“ Seine laufenden Projekte wird er natürlich noch bis zum Abschluss weiter betreuen und deshalb auch in Zukunft immer mal wieder am KWI sein. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Buchhandlung Proust in Zusammenarbeit mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) und dem Schauspiel Essen.
Climate Change in India and Southeast Asia
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Haben Indien, Thailand und Indonesien – Länder mit hohen Emissionsraten – das Potential für einen grundsätzlichen klimaverträglichen Umschwung? Welche Modelle und Strategien stehen diesen asiatischen Kulturen zur Verfügung? Über diese und andere Fragen referierten Süd- und Südostasien-Experten aus England, Indien und Deutschland. Auf dem zweitägigen interdisziplinären Symposium „Climate Change in India and Southeast Asia: How are Local Cultures Coping?“ wurden kultur- und religionswissenschaftliche, sozial-politische und naturwissenschaftliche Perspektiven diskutiert. Besonderes Augenmerk galt den Akteuren, die für eine Integrierung und Implementierung naturwissenschaftlichen Wissens auf gesellschaftlicher Ebene unabdingbar sind. Unter den Wissenschaftlern bestand breiter Konsens darin, dass sowohl „top-down“- als auch „bottom-up“-Ansätze nötig sind, um mit dem Stress- und Unsicherheitsfaktor Klimawandel in Asien umzugehen. Lösungsansätze wurden sowohl aus umweltgeschichtlicher als auch kultureller Perspektive entwickelt. Den Religionen Buddhismus (Thailand), Hinduismus (Indien) und Islam (Indonesien) wurden Potentiale im Umgang mit den Herausforderungen des Klimawandels zugesprochen. Wie eine umwelt- und klimaverträgliche Umorientierung im indonesischen Kontext durch die „ulama“ (islamische Gelehrte) in religiösen Internaten praktisch funktioniert, wurde eindrücklich dargestellt. Andere Beiträge zeigten, in welchem Dilemma die Megastädte stecken, aber auch, dass ein Umschwung machbar scheint – etwa in dem man sich an einigen Projekten orientiert, die die großen Ballungszentren als Experimentierfelder nutzen. Die Diskussionen, die die Vorträge begleiteten, befassten sich mit dem Wissen an sich (lokales Wissen und umstrittenes Wissen über Umweltzusammenhänge), aber auch mit Identitätsfragen. Das Symposium fand am 17. und 18. Juni im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) statt. Es wurde von Barbara Schuler (Universität Hamburg) wissenschaftlich geleitet und von Carmen Meinert (KWI) organisiert.
CineScience: Das Milgram-Experiment
Am 21. Juni startet die neue Veranstaltungsreihe „CineScience“ vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) und dem Filmstudio Glückauf. Forschende des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen diskutieren anhand von Filmen jeden Genres soziale Phänomene und werfen einen wissenschaftlichen Blick auf alltägliche und weniger alltägliche Aspekte menschlichen Zusammenlebens. Immer geht es darum, zu verstehen, warum Menschen so handeln, wie sie eben handeln. Der erste Abend der Reihe widmet sich den Experimenten des Sozialpsychologen Stanley Milgram, der in den frühen 1960er Jahren mit einer Reihe berühmt-berüchtigter Experimente zeigte, dass jeder zweite normale Erwachsene bereit ist, einer unschuldigen Versuchsperson unter der Aufsicht eines Wissenschaftlers extrem schmerzhafte und vielleicht tödliche Stromstöße zuzufügen. Die Sozialwissenschaftler Christian Gudehus und Sebastian Wessels vom KWI zeigen und kommentieren Milgrams Dokumentarfilm „Obedience“ sowie Sequenzen aus weiteren filmischen Aufbereitungen des Versuchs. Sie diskutieren die sozialpsychologischen Hintergründe ebenso wie die offensichtliche Faszination, die das Experiment immer wieder zu einem Bezugspunkt in Wissenschaft, Kunst und Populärkultur macht.
Wie erinnert eine Gesellschaft sich an Katastrophen?
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Wie Gesellschaften sich an Katastrophen erinnern und welche emotionale Nachhaltigkeit zerstörerische Geschehnisse entfalten, hängt nicht allein von der Höhe der Opferzahlen oder dem Ausmaß entstandener Schäden ab. Die Interpretation katastrophaler Ereignisse ist davon bestimmt, in welchem Referenzrahmen sie gedeutet werden und ob sie den bestehenden Erwartungen entsprechen. So fällt die Wahrnehmung von Erdbeben in einem Land, in dem sie regelmäßig auftreten, anders aus, als dort, wo sie eine Ausnahme darstellen, auf die man mental nicht vorbereitet ist. Wie Katastrophen erinnert werden und welche historischen Lernerfahrungen sie erzeugen können, hängt somit nicht nur von ihrer kulturellen Eindringungstiefe ab, sondern auch von der Frage, ob sie beeinflussbar erscheinen oder nicht. Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Projekt „Katastrophenerinnerung“ am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Am 15. findet zu diesem Thema der Vortrag von Martin Voss „Aus Desastern und Katastrophen lernen“ statt. Am 16. Juni referiert Daniel Levy über „Memories of Catastrophes: The Mediat(iza)tion of the Future”.
Arbeitnehmerfreizügigkeit muss noch weiter ausgestaltet werden
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Rund 30 Schüler, Studierende und Nachwuchswissenschaftler aus NRW und Polen diskutierten im Rahmen der ersten Teilveranstaltung der wissenschaftlichen Begleitveranstaltungsreihe zum Polen-Nordrhein-Westfalen-Jahr 2011/2012 am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) mit Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis zum Thema Arbeitnehmerfreizügigkeit. Wojciech Łukowski (Universität Warschau), Mathias Wagner (Universität Bielefeld), Katrin Lechler (n-ost) und Michał Sutowski (Krytyka Polityczna) informierten in Kurzreferaten über zahlenmäßige Entwicklungen, messbare Auswirkungen und Trends in der medialen Berichterstattung über Arbeitnehmerfreizügigkeit in Deutschland und Polen vor und nach dem 1. Mai 2011. An diesem Tag haben Arbeitnehmer aus acht mittel- und osteuropäischen EU-Staaten freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erhalten. Die jungen Teilnehmer der Veranstaltung setzten sich mit diesen Aspekten im Plenum und in Kleingruppen vertiefend auseinander und zogen eine erste Bilanz: Arbeitnehmerfreizügigkeit ist kein Schreckgespenst und bietet Chancen für die beruflichen Perspektiven junger Menschen in Europa; sie muss aber in vielerlei Hinsicht, zum Beispiel was die wechselseitige und gleichwertige Anerkennung von Schul- und Studienabschlüssen angeht, noch weiter ausgestaltet werden. Ein detaillierter Bericht zur Veranstaltung wird in Kürze auf der KWI-Website veröffentlicht. Die wissenschaftliche Reihe „Gemeinsam die Zukunft gestalten: NRW und Polen im Dialog“ ist eine Veranstaltung des KWI im Auftrag der Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen.
Podiumsdiskussion Klimawandel - Herausforderung für Wissenschaft und Forschung in NRW?
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Der Klimawandel wird auch Nordrhein-Westfalen betreffen und sich auf Natur, Gesellschaft und Wirtschaft unseres Bundeslandes auswirken. Bereits jetzt sehen wir unser Verständnis von Fortschritt und Wachstum in Frage gestellt. Wie werden wir die Veränderungen und Umbrüche bewältigen, die auf uns zu kommen? Mit diesem Thema beschäftigten sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen aus NRW im Austausch mit Svenja Schulze, Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen am Montag, den 30. Mai 2011, bei der Podiumsdiskussion „Klimawandel – Herausforderung für Wissenschaft und Forschung in NRW?“ am KWI in Essen. Es stand die Frage im Mittelpunkt, wie Wissenschaft und Forschung sich selbst im Angesicht der neuen Herausforderungen verändern und orientieren. Ministerin Svenja Schulze betonte in ihrer Rede die herausragende wirtschaftliche und auch wissenschaftliche Positionierung Nordrhein-Westfalens und führte aus: „Es ist nicht mehr zeitgemäß, den Industrie-, Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Nordrhein-Westfalen vorrangig unter dem Aspekt ökonomischer Wachstumsorientierung zu entwickeln, vielmehr gilt es, auch ökologische, soziale und kulturelle Aspekte einzubeziehen.“ Claus Leggewie, Direktor des KWI, fügte hinzu: „Wenn Herausforderungen und Probleme beim Übergang zur klimaverträglichen Gesellschaft nicht rein technische oder rein gesellschaftliche sind, muss die Forschung zur Unterstützung der Transformation dem sozio-technischen ,Misch-Charakter‘ von Transformationen durch fächerübergreifende Arbeit in der Grundlagenforschung wie in der angewandten Forschung Rechnung tragen.“ Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier.
Tagung „Wirtschaftsethik zwischen den Kulturen“
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Sowohl wirtschaftsethische Grundsatzdebatten als auch Maßnahmen der Corporate Social Responsibility (CSR) in der unternehmerischen Praxis haben in den letzten Jahren weltweit an Bedeutung gewonnen. Dies ist insbesondere der Einsicht geschuldet, dass ohne die gesellschaftliche Verantwortung der Marktakteure globale Problemlagen wie der Klimawandel, das Armutsgefälle zwischen Industrie- und Entwicklungsländern oder Finanz- und Wirtschaftskrisen nicht in den Griff bekommen werden können. Werte und Normen treten aus diesem Grund als wichtige Faktoren globalen wirtschaftlichen Handelns neben ökonomische Nutzenkalküle und Effizienzkriterien. Im Fokus der Tagung „Wirtschaftsethik zwischen den Kulturen. Leitbilder, Werte und Normen in interkulturellen Wirtschaftsprozessen“ am 21. Juni 2011 steht die Frage, inwieweit universelle Leitbilder des globalen Wirtschaftens begründbar sind und in der Praxis befolgt werden. Auf welchen religiös, politisch und kulturell geprägten Normen basiert das Selbstverständnis wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Akteure? Gibt es eine gemeinsame Wertebasis, die in globale Leitbilder einfließt? Inwieweit werden diese Leitbilder kulturell unterschiedlich aufgefasst und umgesetzt? Weitere Informationen zu der Tagung finden Sie hier.
Neuerscheinungen zu Interkultur
Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen beschäftigt sich in mehreren Publikationen mit der Interkultur: In ihrem Aufsatz „Was heißt Interkulturalität?“ plädieren Claus Leggewie und Dariuš Zifonun für eine pragmatische Perspektive, die konzeptionell auf die „Fragmentierung und Konnektivität moderner Individuen wie moderner Gesellschaften“ reagiert. Sie „attestiert, daß Integration fraglich und erklärungsbedürftig ist, und gibt Antworten darauf, wie die Entstehung von Einheit und Zonen der Konkordanz dennoch möglich ist.“ Der Aufsatz erschien in dem Sammelband „Pragmatismus als Kulturpolitik“ (Gröschner/Sandbothe, 2011). In der Studie „Hochqualifizierte Zuwanderer mit Bezug zum Ruhrgebiet“ befragte Ulrike Ofner, unter der Leitung von Claus Leggewie und Anja Weiß (Universität Duisburg-Essen), zwanzig hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten, warum sie ins Ruhrgebiet kommen, warum sie bleiben oder wieder abwandern. Im Fokus stehen die Erfahrungen, die sie auf dem hiesigen Arbeitsmarkt machen. Die Studie wurde vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen gemeinsam mit der RUHR.2010 GmbH durchgeführt; die Ergebnisse wurden Ende 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt. Marie Mualem Sultan, wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem transdisziplinären BMBF-Forschungsprojekt Climates of Migration am KWI, fragt in „Migration, Vielfalt und Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk“: „Erfüllen ARD und ZDF ihren verfassungsrechtlichen Auftrag zur Gleichberechtigung und Gleichachtung ethnisch-kultureller Vielfalt?“ Die Autorin diskutiert die öffentlich-rechtliche „diversity-correctness“ exemplarisch für drei Analysefelder: 1. Das medial vermittelte Bild von MigrantInnen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, 2. Die Personalpolitik von ARD und ZDF und 3. die Repräsentanz von MigrantInnen und Menschen mit Migrationshintergrund in den Aufsichtsgremien. Außerdem neu erschienen: Der Aufsatz „Kultur“ von Claus Leggewie und Dariuš Zifonun im Sammelband „Globalisierung“ (Niederberger/Schink, 2011). Die vollständigen Literaturangaben finden Sie hier.
Tag für die Interkultur am KWI
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In den aktuellen Debatten um Migration und Integration geht es meist um politische Rahmenbedingungen wie Bildungsreformen, Arbeitsmarktpolitik oder Einwanderungsgesetze. Aber wie gehen wir im Alltag mit kulturellen Differenzen um? Sind nicht die tatsächlichen Akteure der interkulturellen Kommunikation viel weiter als die Debatten es uns glauben lassen? Das fragte das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) am 9. Mai 2011 Wissenschaftler, Künstler und Journalisten. Vorgestellt wurden außerdem die Forschungsprojekte: „Aktives Altern – Migration – Biographie“, „Fremde Eigenheiten und eigene Fremdheiten. Interkulturelle Verständigung und transkulturelle Identitätsarbeit in globalisierten Arbeitskontexten“, „Identities and Modernities in Europe“, „Interkulturelles Verstehen in Schulen des Ruhrgebiets“ und „Migration und Komik. Inklusions- und Exklusionsprozesse durch Komik und Satire in Spätaussiedlermilieus“. Auf dem Abschluss-Panel diskutierten Mark Terkessidis (Migrationsforscher und Journalist), Aslı Sevindim (Autorin und Journalistin) und Hans-Georg Soeffner (KWI), moderiert von KWI-Direktor Claus Leggewie, über die Zukunft der multikulturellen Gesellschaft. Eine Fotogalerie der Veranstaltung „Pro Interkultur“, die von Film, Theater und Musik umrahmt wurde, finden Sie im Netz.
Lesart Spezial: „Afrika zwischen Aufbruchsstimmung und Ausverkauf“
© Buchhandlung Proust
Unser Bild von Afrika als ewiges „Opfer der Verhältnisse“ entspreche nicht mehr der Realität: Mit dieser Feststellung eröffnete Dominic Johnson den Abend zum Thema „Afrika zwischen Aufbruchsstimmung und Ausverkauf“. Im Gespräch mit dem Afrikawissenschaftler Andreas Eckert zeichnete der Journalist und Autor ein verhalten optimistisches Bild von der Zukunft des Kontinents. Andreas Eckert gab bei allem Grund zur Hoffnung zu bedenken, dass weiterhin viele der gut ausgebildeten Afrikaner sich gezwungen sehen, ins Ausland zu gehen, wo sich ihnen bessere Chancen bieten. Auch ausländische - vor allem wirtschaftliche - Interessen machten dem Kontinent weiterhin zu schaffen. Letztlich sei es ihm das Wichtigste, betonte Johnson, dem afrikanischen Kontinent nicht länger eine Sonderrolle zuzuschreiben: Im Guten wie im Schlechten müsse man afrikanische Länder ebenso betrachten wie auch allen anderen Staaten der Welt. In der Reihe „Lesart Spezial“ präsentieren und diskutieren renommierte Autoren und Kritiker vor Publikum aktuelle Sachbuch-Neuerscheinungen. In der aktuellen Sendung ging es um Dominic Johnsons „Afrika vor dem großen Sprung“ und Helmut L. Müllers „Afrika. Der geplünderte Kontinent“. Sie wurde moderiert von Claus Leggewie und kann am Sonntag, den 8. Mai 2011 von 12.30 Uhr bis 13.00 Uhr im Deutschlandradio Kultur oder im Netz angehört werden.
Buchpräsentation „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“
© KWI / Foto: Udo Geisler
Am 26. April diskutierten die Autoren Harald Welzer und Sönke Neitzel im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) über ihr neues Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ mit Jörg Baberowski und Herfried Münkler von der Humboldt-Universität zu Berlin. Moderiert wurde der Abend von Hans-Georg Soeffner, Vorstandmitglied des KWI. Das Buch, das - wie der „Spiegel“ schrieb - auf einem „Sensationsfund“ basiert, vermittelt eine faszinierende und erschreckende Innenansicht des Zweiten Weltkriegs: Dafür haben Harald Welzer und Sönke Neitzel in den vergangenen Jahren rund 150.000 Seiten Abhörprotokolle von deutschen Kriegsgefangenen ausgewertet. „Dieses Buch ist ein Ereignis“, so Herfried Münkler. Erst bei der Lektüre sei ihm klargeworden, dass es ein völlig neues Licht auf die Debatte werfe, die in den Neunzigerjahren nach der Wehrmachtsausstellung entbrannt sei. Der Quellenfund werde noch viele Wissenschaftler mit weiteren Studien beschäftigen. Jörg Baberowksi betonte in seinem Vortrag, das Buch sei ein äußerst wichtiger Meilenstein zur Erkenntnis, dass man über den Krieg kein fundiertes Wissen erlangen könne, wenn man ihn rein moralisch betrachte. In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Frage, inwieweit das Quellenmaterial mit anderen schriftlichen Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg, wie Feldpostbriefen und Tagebüchern, vergleichbar sei. Das Forschungsprojekt „Referenzrahmen des Krieges“, in dessen Rahmen die Publikation entstand, wird gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung und die Fritz Thyssen Stiftung. „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ ist am 12. April 2011 im S. Fischer Verlag erschienen und belegt auf der Sachbuchbestsellerliste des „Spiegel“ diese Woche Platz vier.
Neue Mitglieder im KWI-Vorstand
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Der Vorstand des Kulturwissenschaftlichen Instituts hat neue Mitglieder: Der Amerikanist Walter Grünzweig wurde für die kommenden zwei Jahre zum neuen Vertreter der TU Dortmund im Vorstand des Instituts ernannt. Er folgt Logi Gunnarsson, der einen Ruf an die Universität Potsdam angenommen hat. Neu in den Vorstand des Instituts kooptiert wurde Franz Mauelshagen, seit 2008 Research Fellow im KWI-Schwerpunkt KlimaKultur, seit 2010 am KWI Leiter des BMBF-Projekts „Climates of Migration“. Die Ruhr-Universität Bochum wird weiterhin von Volkhard Krech im Vorstand vertreten, die Universität Duisburg-Essen durch Wilfried Loth. Der Vorstand des Kulturwissenschaftlichen Instituts entwickelt die Grundlinien der Institutsarbeit und entscheidet über Budget, Personal und Programm. Die Mitgliedschaft im Vorstand ist zeitlich befristet.
Tagung: Pro Interkultur
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In den aktuellen Debatten um Migration und Integration geht es meist um politische Rahmenbedingungen wie Bildungsreformen, Arbeitsmarktpolitik oder Einwanderungsgesetze. Aber wie gehen wir im Alltag mit kulturellen Differenzen um? Sind nicht die tatsächlichen Akteure der interkulturellen Kommunikation viel weiter als die Debatten es uns glauben lassen? Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) hat in mehreren Forschungsprojekten den Fokus auf die Personen gelegt, die es am besten wissen müssten: etwa Schülerinnen und Schüler multikultureller Klassen im Ruhrgebiet oder Flugbegleiter, die in internationalen Teams zusammenarbeiten. Ausgangspunkt für die Forschungsprojekte ist die Frage, wie kulturelle Verschiedenheit konstruiert, bewältigt und gestaltet wird. Am 9. Mai 2011 findet im KWI und im Filmstudio Glückauf in Essen ein Tag für Interkultur statt, an dem sich Wissenschaftler, Künstler und Journalisten mit diesen Fragestellungen und der Zukunft der multikulturellen Gesellschaft auseinandersetzen. Weitere Informationen und Anmeldemodalitäten finden Sie hier.
Vortrag: Gewalteskalationen, die nicht zu Bürgerkriegen führen. Erklärungsversuche am Beispiel von Peru und Bolivien
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Mit der Frage, wie Bürgerkriege entstehen, beschäftigt sich die Kriegsursachenforschung schon seit Jahren. Ebenso wichtig, wenn auch schwieriger zu fassen, ist die Frage, warum in manchen Ländern trotz massiver gewalttätiger Ausschreitungen und denkbar schlechter Voraussetzungen keine Bürgerkriege entstehen. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit die Situation nicht eskaliert und die Gewalt nicht in jahrzehntelange kriegerische Auseinandersetzungen mündet? Am 19. April sprach der Politikwissenschaftler Witold Mucha im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) über mögliche „Friedensursachen“: Er vergleicht zwei strukturell ähnliche Fälle – Peru und Bolivien – und versucht, die Faktoren zu identifizieren, die im Falle Boliviens zur Deeskalation und Stabilisierung beigetragen haben. Während Peru einen zwölfjährigen Bürgerkrieg durchlebte, in dem mindestens 30.000 Todesopfer zu beklagen waren, ist im bolivianischen Nachbarland ein Konflikt einer solchen Tragweite und Intensität bis heute ausgeblieben. Und das, obwohl es insbesondere in der letzten Dekade immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen kam. Wie die Rebellenorganisation „Leuchtender Pfad“ den Staat Peru an den Rand des Zusammenbruchs bringen und aus welchen Gründen sich in Bolivien eine solche radikale Bewegung nicht etablieren konnte – auch darum ging es in dem Vortrag.
Neuerscheinung „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“
© S. Fischer Verlag
Am 12. April erschien „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Harald Welzer (KWI) und Sönke Neitzel im S. Fischer Verlag. Dieses Buch legt auf der Basis von 150.000 Seiten Abhörprotokollen erstmals eine überzeugende Mentalitätsgeschichte des Krieges vor. In von Briten und Amerikanern eigens eingerichteten Lagern wurden deutsche Kriegsgefangene aller Ränge und Waffengattungen zwischen 1940 und 1945 heimlich abgehört. Sie sprachen über militärische Geheimnisse, über ihre Sicht auf die Gegner, auf die eigene Führung und auf die Judenvernichtung. Das Buch zeigt die Kriegswahrnehmung von Soldaten in historischer Echtzeit und vermittelt eine faszinierende und erschreckende Innenansicht des Zweiten Weltkriegs durch jene Soldaten, die große Teile Europas verwüsteten. Zudem wird im Vergleich zu anderen Kriegen herausgearbeitet, was am Fühlen und Handeln der deutschen Soldaten spezifisch für den Nationalsozialismus war und was nicht. Hier finden Sie weitere Informationen sowie einen Überblick über das Medienecho.
Klimaverträgliches Wirtschaften und nachhaltige Entwicklung: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation
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Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), übergab am 7. April sein neues Hauptgutachten „Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, an Bundesforschungsministerin Annette Schavan und Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Der WBGU begründet in diesem Bericht die dringende Notwendigkeit einer post-fossilnuklearen Wirtschaftsweise, zeigt zugleich die Machbarkeit der Wende zur Nachhaltigkeit auf und präsentiert zehn konkrete Maßnahmenbündel zur Beschleunigung des erforderlichen Umbaus. Damit die Transformation tatsächlich gelingen kann, muss ein Gesellschaftsvertrag zur Innovation durch einen neuartigen Diskurs zwischen Regierungen und Bürgern innerhalb und außerhalb der Grenzen des Nationalstaats geschlossen werden. Nur mit einem tiefen gemeinsamen Verständnis von klimaverträglicher Wertschöpfung und nachhaltiger Entwicklung lässt sich die globale Krise der Moderne überwinden. Mit dem Gutachten zeigt der WBGU Perspektiven für die Zukunft nachhaltigen Wirtschaftens auf, die nach dem atomaren Desaster von Fukushima erst Recht auf der Agenda der nationalen und internationalen Politik stehen müssen. Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI), ist seit 2008 Mitglied im WBGU. mehr...
Polen und NRW im Dialog: Wissenschaftliche Veranstaltungsreihe zum Polen-Nordrhein-Westfalen-Jahr 2011/2012 gestartet
© KWI / Foto: Georg Lukas
Am 24. März 2011 hat die NRW-Landesregierung das „Polen-Nordrhein-Westfalen-Jahr“ offiziell eröffnet. Am gleichen Tag startete die wissenschaftliche Begleitveranstaltung am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI): Rund dreißig Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, Studierende und Schülerinnen und Schüler aus Polen und Nordrhein-Westfalen kommen in den nächsten Monaten insgesamt vier Mal zur Diskussion zusammen. Gemeinsam mit Expertinnen und Experten der deutsch-polnischen Beziehungen entwickeln sie Vorschläge, wie eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und insbesondere Nordrhein-Westfalen und Polen in einem vereinten Europa künftig gestaltet werden kann. Sie beschäftigen sich mit den Themen Arbeitnehmerfreizügigkeit, Energie und kulturelle Vielfalt. Am Ende sollen ihre Vorschläge Politikern aus beiden Ländern vorgelegt werden. Am 24. März fand das erste gemeinsame Treffen statt. Die Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes NRW, Angelica Schwall-Düren, begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Hans-Jürgen Bömelburg (Universität Gießen), Marzenna Guz-Vetter (Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland), Herbert Jakoby (Staatskanzlei des Landes NRW) und Adam Krzeminski (Journalist und Publizist) stellten sich den Fragen der jungen Menschen: Kann die polnische Sprache im deutschen Schulsystem stärker verankert werden? Werden hochqualifizierte junge Polinnen und Polen nach dem vollständigen Eintritt der Arbeitnehmerfreizügigkeit in Deutschland gleichberechtigt Arbeit finden? Warum wird in Deutschland und Polen unterschiedlich über Atomkraft diskutiert? So lauteten nur einige der Fragen, die zeigten, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur den deutsch-polnischen Dialog wichtig finden, sondern auch hohe Erwartungen an die Politik haben. Die Ergebnisse der Treffen werden auf der KWI-Website veröffentlicht. Die wissenschaftliche Reihe „Gemeinsam die Zukunft gestalten: NRW und Polen im Dialog“ ist eine Veranstaltung des KWI in Kooperation mit der Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien.
Literarischer Salon: Brigitte Kronauer zu Gast in Essen
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„Dunkel erinnere ich mich an eine gewisse Frau John, dunkel, wie sie selbst ja auch war. Eigentlich keine gewisse, sondern eine sehr ungewisse Frau. Das lief aber auf dasselbe hinaus.“ So beginnt Brigitte Kronauers Erzählzyklus „Die Kleider der Frauen“, aus dem sie am 23. März im Café Central des Grillo-Theaters las. Die erste Geschichte des Zyklus’, die zugleich die erste der Lesung war, heißt „Frau John kommt!“ und ist eine Momentaufnahme im Leben eines jungen Mädchens, das versucht, die Zeichen der Erwachsenenwelt um sich herum zu deuten. Danach las Kronauer aus der vorletzten Episode „Krähen“, in der die Welt aus Sicht einer Neunzigjährigen geschildert wird. Mit den Gastgebern des Abends Navid Kermani und Claus Leggewie sprach die Autorin anschließend über das Episodenhafte von Erinnerungen und das menschliche Bedürfnis, sich das eigene Leben stets als kohärente, sinnvolle Abfolge von Ereignissen vorzustellen. Zum Abschluss hatte die gebürtige Essenerin einen Text des 2009 verstorbenen polnischen Philosophen Leszek Kołakowski mitgebracht: Seine Ausführungen über die Unvereinbarkeit von Pragmatismus und Mystik und über die Indifferenz der Natur gegenüber dem Menschen hatten sie Anfang der Siebzigerjahre stark beeindruckt. Der Literarische Salon in Essen ist eine Initiative des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und wird unterstützt von der Stiftung Mercator und dem Schauspiel Essen. Der nächste Literarische Salon findet am 18. Mai mit Alison Louise Kennedy statt.
Vortrag: „Die Rolle der Gewalt in der Erlebniswelt Rechtsextremismus”
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Rechtsextremisten sprechen seit Jahren vor allem junge Menschen mit einer breiten Palette von Aktivitäten und Medien an, die sie für die rechtsextremistische Szene ködern soll. In diesem Zuge ist eine „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ entstanden, in der Lebensgefühl, Freizeitaktivitäten und menschenverachtende Botschaften verschmelzen. Rockmusik diverser Stile, aufwändig gestaltete Websites und Jugendzeitschriften in modernen Designs stehen als Träger rechtsextremistischer Inhalte im Mittelpunkt. In dieser Erlebniswelt sind nicht nur Feindbilder und Gewalt allgegenwärtig, sondern auch Botschaften, die „Kameradschaft“ und Zusammenhalt in unsicheren Zeiten versprechen. Am 22. März spricht der Politikwissenschaftler und Verfassungsschützer Thomas Grumke im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) über die gewaltaffine rechtsextremistische Erlebniswelt, die er anhand zahlreicher Audio- und Videobeispiele analysiert.
Interkulturelle Kommunikation: Wie indische und deutsche Flugbegleiter zusammenarbeiten
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Globalisierte Arbeitsplätze gibt es viele, in der Luftfahrt sind die Teams sogar seit zwanzig Jahren international besetzt. Was aber passiert mit der Identität der Mitarbeiter, wenn sie über lange Zeit mit Kollegen einer anderen Kultur zusammenarbeiten und beide Seiten sich ständig aneinander anpassen müssen? Dies untersucht ein dreijähriges Projekt der Universität Duisburg-Essen (UDE) und des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI). Es analysiert die Interaktion zwischen indischen und deutschen Mitarbeitern einer großen deutschen Fluggesellschaft, um herauszufinden, wie sich ihre transkulturelle Kommunikations- und Identitätsarbeit genau gestaltet: Wie finden die Flugbegleiter bei Missverständnissen zu einem gemeinsamen Miteinander, mit dem beide Seiten zurechtkommen? Bei der wissenssoziologischen Untersuchung werden qualitative Experteninterviews mit dem Management, narrative Interviews mit indischen und deutschen Flugbegleitern sowie teilnehmende Beobachtungen kombiniert. Die ersten Interviews wurden gerade in Delhi geführt und werden nun ausgewertet. Gefördert wird das Projekt „Fremde Eigenheiten und eigene Fremdheiten. Interkulturelle Verständigung und transkulturelle Identitätsarbeit in globalisierten Arbeitskontexten“ durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Neuerscheinung: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt
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Was hält Europa zusammen? Der reichste Binnenmarkt der Welt, eine starke Währung oder eine gemeinsame Geschichte? Diesen Fragen widmet sich der Politikwissenschaftler und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI), Claus Leggewie, in seinem neuen Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt“. Gemeinsam mit Anne Lang, wissenschaftliche Mitarbeitern am KWI, besucht er Erinnerungsorte an der europäischen Peripherie, die Debatten über historische Ereignisse auslösen. Darunter ist etwa das sowjetische „Aljoscha“-Denkmal in Tallinn, dessen Demontage vor einigen Jahren zu heftigen Konflikten zwischen Estland und Russland führte. Aber auch das belgische Kolonialmuseum in Tervuren gehört dazu oder der Paragraph 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der besonders in der Debatte um den Völkermord an den Armeniern immer wieder für Zündstoff sorgt. Die Autoren widerlegen die gängige Befürchtung, die Erinnerung an historische Katastrophen teile und entzweie Europa: Vielmehr könne eine politische Identität Europas nur im diskursiv und zivil ausgetragenen Konflikt um die – im wahrsten Sinne des Wortes – geteilte Erinnerung entstehen.
Illusion und Wirklichkeit der Autonomie
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In den 1950er und 60er Jahren führten die Experimente der Sozialpsychologen Solomon Asch und Stanley Milgram der Öffentlichkeit plakativ die Neigung von Menschen zu Konformität und Gehorsam vor Augen. Die Bereitschaft ihrer Versuchspersonen, sich einer eindeutig irrigen Gruppenmeinung anzuschließen oder auf Geheiß des Versuchsleiters einem Menschen vermeintlich tödliche Stromstöße zuzufügen, war umso erschütternder, da die Experimente nicht zuletzt auf die Verbrechen der Nazi-Zeit Bezug nahmen. Nun schien es bestätigt: Autorität und Gruppenzwang können normale Menschen überraschend umstandslos zu Handlungen veranlassen, die ihnen selbst noch kurz zuvor unvorstellbar schienen - Mord eingeschlossen. Ist also Autonomie im Sinne der Fähigkeit, auch gegenüber Zwängen und Widerständen nach eigener Überzeugung zu handeln, nur eine Illusion? Dieser Frage widmet sich Sebastian Wessels auf Grundlage der Befunde des Forschungsprojekts „Autonomie - Handlungsspielräume des Selbst“ am 1. März um 18.30 Uhr im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI). Er ist Junior Fellow am Center for Interdisciplinary Memory Research (CMR) am KWI. Der Vortrag ist öffentlich und eine Veranstaltung des Vereins zur Förderung des KWI.
Der Wasserwerfer und ich
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Bilder der Gewalt haben bekanntlich einen hohen medialen Aufmerksamkeitswert. Anhand des Geschehens um Stuttgart 21 lässt sich modellhaft zeigen, wie solche Bilder entstehen und wie sie funktionieren. Der Künstler und Autor Harry Walter, derzeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Architektur und Kunst an der ETH Zürich, hält zu diesem Thema am Freitag, den 25. Februar 2011 um 18:00 Uhr im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen den Vortrag „Der Wasserwerfer und ich“. Seine Erläuterungen sollen aber nicht aus einer distanzierten Perspektive geschehen, sondern in Form einer „Beschreibung von innen heraus“. Insofern das Gerangel zwischen Demonstranten und Polizisten auch ein Theater der sinnlichen Gewissheiten ist, können blaue Flecken erste Bilder sein. Mit dem „Schwarzen Donnerstag“, dem Tag des Wasserwerfereinatzes im Stuttgarter Schlossgarten, ist ein lokaler Opfermythos geboren worden, dessen Spuren ins Vorgeschichtliche weisen. Der Autor erlaubt sich, seine biografische Verwurzelung in dieser aktuellen Kampfzone zu nutzen, um hinter den offiziellen Bildern der Gewalt andere freizulegen, die deren Voraussetzung sein könnten, auch wenn sie noch so privat oder historisch entrückt erscheinen.
Wie man Akteure dazu bringt, das zu tun, was sie eigentlich tun sollten
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Die Ideen eines „libertären Paternalismus“, der die Bürger dazu bringt, sich so zu verhalten, wie es für sie und das Gemeinwohl am besten ist, stehen gegenwärtig hoch im Kurs. Cass R. Sunstein und Richard H. Thaler, die mit ihrem Buch „Nudge“ – zu Deutsch „Stubser“ - einen internationalen Bestseller zum Thema vorgelegt haben, beraten inzwischen auch Staats- und Regierungschefs wie Barack Obama und David Cameron. Unter der Fragestellung „Wie man Akteure dazu bringt, das zu tun, was sie eigentlich tun sollten?“ diskutierten auf Einladung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) am 8. Februar 2011 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen über die Chancen und Risiken dieser Idee, bei der Menschen durch intelligente Anreize dazu angeregt werden das „Richtige“ zu tun. Das Eröffnungsreferat hielt Helmut Jungermann, Professor für Psychologie an der TU Berlin und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Verbraucher- und Ernährungspolitik. Er betonte, dass es zwei Arten von „Nudges“ gebe: Instrumente der rationalen Selbstbindung – wie der Abschluss eines Sparvertrags – würden bewusst vom Individuum eingegangen. Andere „Nudges“ blieben für den Bürger oder Konsumenten eher verborgen, und hätten dadurch einen manipulativen Charakter. Es müsse einerseits zwischen der Erfüllung individueller Wünsche („Wollen“) und der Erreichung gesellschaftlicher Ziele („Sollen“) unterschieden werden und andererseits zwischen Anstößen, die vom Staat oder von privatwirtschaftlichen Unternehmen ausgehen. Dem Politikwissenschaftler Gary S. Schaal von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg zufolge müssen die Ideen des „libertären Paternalismus“ zudem in ihrem kulturellen Kontext betrachtet werden: Während in einer „libertären“ Gesellschaft wie den USA das „Nudging“ als Eingriff in private Handlungsbereiche wahrgenommen werde, könnte sich für Deutschland durch moderate staatliche Einflussnahmen eine Zunahme von Freiräumen ergeben. Angesichts der Tatsache, dass Bürger längst – etwa durch die Anordnung von Produkten im Supermarkt – in ihrer Wahl beeinflusst werden, bestand Einigkeit darin, dass eine transparente, gemeinwohlorientierte Ausgestaltung von Anreizstrukturen durch den Staat grundsätzlich zu befürworten sei. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage diskutiert, an welchen Kriterien sich die staatlichen Anreize letztlich orientieren sollten: Hier wurde besonders die Wichtigkeit öffentlicher, partizipativer Meinungsbildungsprozesse durch die Bürger selbst betont.
„Die Geisteswissenschaften müssen das Internet erobern — und zwar möglichst bald.“
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Am 14. und 15. Februar wurde im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen über „Öffentlichkeit, Medien und Politik - Intellektuelle Debatten und Wissenschaft im Zeitalter digitaler Kommunikation“ diskutiert. Am ersten Tag der Tagung, die gemeinsam mit dem Deutschen Historischen Institut Paris veranstaltet wurde, ging es speziell um das Verhältnis zwischen Intellektuellen und dem Web 2.0. Christoph Bieber vom Zentrum für Medien und Interaktivität stellte in seinem Abendvortrag die Hypothese auf, dass sich der Intellektuelle vom Schriftgelehrten über den „Performer“ hin zum Programmierer à la Julian Assange entwickelt habe. Das führte zu der Frage, inwieweit Theorien und Konzepte sich im digitalen Zeitalter von der technischen Infrastruktur überhaupt noch trennen lassen. Uneinigkeit bestand unter anderem darin, ob es im Netz die klassischen „Gatekeeper“ noch gibt oder geben muss. Der zweite Tagungstag widmete sich vorwiegend der Beziehung von Wissenschaft und digitalen Medien. Die Tagungsteilnehmer waren sich einig, dass der Wissenschaftsbetrieb sich zwangsläufig wird öffnen müssen und dass die Chancen, die in diesem Transformationsprozess liegen, die Risiken bei Weitem überwiegen. Es gelte nicht nur, der Öffentlichkeit Zugang zu Daten und Forschungsergebnissen zu ermöglichen — es sei auch von entscheidender Bedeutung, ein Gegengewicht etwa zu pseudowissenschaftlichen Beiträgen im Netz zu schaffen. Manfred Thaller von der Universität Köln schloss die letzte Diskussion mit dem Statement: „Die Geisteswissenschaften müssen das Internet erobern — und zwar möglichst bald.“ Das vollständige Tagungsprogramm finden Sie hier, eine Dokumentation der Tagung erscheint auch auf www.facebook.de/kwi.essen.
„Scholar in Residence“ am KWI: Przemyslaw Lukasik
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Przemysław Łukasik ist neuer „Scholar in Residence“ am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Der Doktorand des Amerikanischen Instituts der Jagiellonian Universität in Krakau/Polen forscht über die deutsch-amerikanischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg, Antiamerikanismus und Theorien und Methoden der Geschichtspolitik. Während seines vierwöchigen Gastaufenthaltes in Essen arbeitet er im Forschungsbereich Kultur und Konflikt mit seinem Tandem-Partner Maik Arnold von der Ruhr-Universität Bochum zusammen. Łukasik hat Geschichte, Politikwissenschaft und „International Relations“ mit Schwerpunkt Amerikanistik studiert. Am 10. Februar 2011 fand ein erster gemeinsamer Workshop im KWI statt, der sich unter dem Titel „Identität, Migration und internationale Beziehungen“ den Diagnosen, Symptomen und Zukunftsaussichten in Europa und den USA widmete. Gastwissenschaftler Łukasik und sein Tandempartner Maik Arnold hielten einen Vortrag über die deutsch-amerikanische „Hassliebe“ unter dem Titel „From Love to Hate: A Story of Germania and Sam – Annotations to the History of American-German Relations“, in dem sie die ersten Ergebnisse ihrer akademischen Zusammenarbeit vorstellten. Das „Scholars-in-Residence-Programm“ ist eine Kooperation zwischen dem KWI und dem Goethe-Institut.
Lesart Spezial: "Die Hungrigen und die Satten"
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Am 1. Februar war Karen Duve zu Gast in Essen. In der „Lesart Spezial“ sprach sie über ihr Buch „Anständig essen. Ein Selbstversuch“ (Galiani Verlag, Berlin 2011). Ludger Heidbrink (KWI) stellte das Buch „Mordshunger. Wer profitiert vom Elend der armen Länder?“ (Westend Verlag, Frankfurt a. Main 2010) von Jean Feyder vor. Im Gespräch mit Meike Albath (Deutschlandradio Kultur) diskutierten sie gemeinsam über Ernährung in der globalisierten Welt und über die Verantwortung des Konsumenten. Am Sonntag, 6. Februar von 12.30 Uhr bis 13.00 Uhr ist das Gespräch auf Deutschlandradio Kultur zu hören. Das KWI veranstaltet „Lesart Spezial“ in Kooperation mit dem Deutschlandradio Kultur, dem Schauspiel Essen und der Buchhandlung Proust, Medienpartner ist die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ).
Bundesminister des Innern Thomas de Maizière würdigt Holocaust-Forschung
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Am 27. Januar eröffnete der Bundesminister des Innern die 3. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung in Berlin: „Worte allein reichen nicht aus, um das unermessliche Leid der Opfer zu beschreiben. Worte allein reichen nicht aus, um den Schmerz der Hinterbliebenen zu beschreiben. Der Holocaust ist nach wie vor schwer in Worte zu fassen.” Eine umfassende wissenschaftliche Holocaust-Forschung sei daher von zentraler Bedeutung. Höhepunkt des Konferenzauftakts war der Vortrag des Autors und Wissenschaftlers Ladislaus Löb, der den Holocaust dank des Einsatzes von Rezső Kasztner überlebte. Kasztner verhandelte mit der SS und es gelang ihm, mehr als 1700 ungarische Juden aus dem Konzentrationslager freizukaufen. Trotz dieser Rettung galt Kasztner in Israel vielen als Kollaborateur — 1957 fiel er einem Attentat zum Opfer. Ladislaus Löb bemüht sich in seinem Buch „Geschäfte mit dem Teufel. Die Geschichte des Judenretters Rezső Kasztner” um eine Rekonstruktion der Rettungsgeschichte, die für Löb zugleich ein Stück eigener Biografie darstellt. Die Konferenz ist eine Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Die vollständige Rede des Bundesinnenministers finden Sie im Netz. Sehen Sie hier Ladislaus Löb im Interview.
Ladislaus Löb über Rezsö Kasztner from kooperative-berlin on Vimeo.
Weitere Interviews und Beiträge unter: www.konferenz-holocaustforschung.de.
Claus Leggewie beim Jahresempfang des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft
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In Anwesenheit von Bundespräsident Christian Wulff und vom Präsidenten des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft Arend Oetker sprach der Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) Claus Leggewie am 19. Januar beim Jahresempfang des Stifterverbands über die Zukunft der Demokratie: „Die allmähliche Entgrenzung der Nationalstaaten, der kulturelle und religiöse Pluralismus und ein spürbares Abstumpfen herkömmlicher demokratischer Beteiligungsinstrumente stellen liberale Demokratien vor große Probleme. Der einzig gangbare Weg scheint jener der demokratischen Erneuerung zu sein, hin zu einer sozialen Demokratie, einer multikulturellen Demokratie, einer Beteiligungsdemokratie. Um sie zu erlangen, brauchen wir einen gestaltenden und nicht mehr nur länger moderierenden Staat.“
Dissertationspreis Kulturwissenschaften 2011
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Der Förderverein des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen vergibt den Dissertationspreis Kulturwissenschaften 2011 für hervorragende Dissertationen in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Mit dem Preis will der Förderverein die interuniversitäre Arbeit des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen unterstützten und den wissenschaftlichen Nachwuchs in den Kulturwissenschaften fördern. Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der drei UAMR-Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen sind aufgerufen, ihre in den Jahren 2009 oder 2010 eingereichte Dissertation einzusenden. Bewerbungsschluss ist der 31. März 2010. Weitere Informationen finden Sie hier.
Corporate Social Responsibility (CSR) in Logistik-Netzwerken
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Click and Buy, 24-Stunden-Lieferung, Kiwis in jedem Supermarkt: Einkaufen wird immer einfacher, schneller, individueller. Prognosen für Deutschland gehen davon aus, dass das Güterverkehrsaufkommen bis 2020 um durchschnittlich über 30 Prozent zunehmen wird. Eine Schlüsselrolle kommt in diesem Prozess den Logistik-Unternehmen zu, die sich zwischen wirtschaftlichem Wachstum, sozialer Verantwortung und ökologischer Verträglichkeit positionieren müssen. In dem Forschungsprojekt „CoReLo – CSR-Management in Logistiknetzwerken“
analysieren Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam betriebliche Nachhaltigkeitskonzepte und ihre Umsetzung in Unternehmen der Logistikbranche. „CoReLo“ wird vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen geleitet und ist Teil des EffizienzClusters LogstikRuhr. Am 18. Januar begann die erste empirische Untersuchungsphase des auf drei Jahre angelegten Projekts.
Kinderbuchautor Paul Maar im Literarischen Salon
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Am 12. Januar war der Kinderbuchautor Paul Maar zu Gast bei Navid Kermani und Claus Leggewie im Literarischen Salon Essen. Maar las aus seiner "Geschichte vom Jungen, der keine Geschichten erzählen konnte" aus "Mehr Affen als Giraffen". Er erzählte auch von seinen Besuchen in der Türkei, bei denen er Nasreddin Hodscha für sich entdeckt hat: Die Geschichten des orientalischen Till Eulenspiegels hat er nicht nur gesammelt, sondern später auch selbst neue geschrieben und in die heutige Zeit versetzt. Mitgebracht hatte er außerdem Texte von Wilhelm Hauff, Robert Walser und Franz Kafka, die ihm besonders am Herzen liegen. Der Literarische Salon in Essen ist eine Initiative des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und wird unterstützt von der Stiftung Mercator und dem Schauspiel Essen. Der nächste Literarische Salon findet am 23. März 2011 mit Brigitte Kronauer statt.
Tagung „Öffentlichkeit, Medien und Politik – Intellektuelle Debatten und Wissenschaft im Zeitalter digitaler Kommunikation“
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Intellektuelle Debatten spielen sich schon lange nicht mehr nur im Feuilleton der großen Zeitungen ab. Und die Klagen mehren sich: über die tägliche Informationsflut und über das undifferenzierte Stimmengewirr im Web 2.0. Aber was genau passiert, wenn plötzlich alle mitreden? Hat sich die Rolle des Intellektuellen damit überholt? Ist die „reine“ Wissenschaft die letzte Bastion, in der das geistige Eigentum noch hochgehalten wird oder ist das in Zeiten von Open Access ein Trugschluss? Wie verändern digitale Medien das wissenschaftliche Arbeiten – wird es einfacher, egalitärer, besser? Mit diesen und anderen Themen beschäftigen sich Wissenschaftler und Medienvertreter am 14. und 15. Februar 2011 in Essen bei der internationalen Tagung „Öffentlichkeit, Medien und Politik – Intellektuelle Debatten und Wissenschaft im Zeitalter digitaler Kommunikation“ des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und des Deutschen Historischen Instituts Paris. Weitere Informationen und das Tagungsprogramm finden Sie hier.
Helfer, Retter und Netzwerker des Widerstands: 3. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung am 27. und 28. Januar in Berlin
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Mit den Ursachen, Ereignissen, Opfern und Täterinnen und Tätern des Nationalsozialismus hat sich die Forschung intensiv auseinandergesetzt. Vergleichsweise wenig wissen wir über diejenigen, die sich dem Nationalsozialismus entgegengestellt haben. Diese Helfer und Retter kamen aus den unterschiedlichsten Schichten, traten in ganz unterschiedlicher Gestalt und mit unterschiedlichsten Motiven auf. Warum und wie jemand Helfer, Retter oder Netzwerker des Widerstands im Nationalsozialismus wurde und welche Schlüsse wir daraus für Gegenwart und Zukunft ziehen können: Das sind die Themen der 3. Internationalen Konferenz zur Holocaustforschung vom 27. bis 28. Januar 2011 in Berlin. Auf der Konferenz werden die neuesten Erkenntnisse der Helferforschung zu prosozialem Verhalten unter totalitären Bedingungen aus interdisziplinärer Perspektive vorgestellt. Zur Konferenz laden die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, das Kulturwissenschaftliche Institut Essen und die Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand ein. Den Eröffnungsvortrag hält der Bundesminister des Innern Thomas de Maizière. Das Anmeldeformular und weitere Informationen finden Sie im Netz.
Nachhaltige Grundsicherung und Klimawandel
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Wie kann man weltweit Armut vermindern und gleichzeitig eine ökologisch nachhaltige Entwicklung fördern? Diese Frage stand im Zentrum der Tagung „Nachhaltige Grundsicherung. Armut lindern – natürliche Lebensgrundlagen erhalten“, die Anfang Dezember in der Lutherstadt Wittenberg von der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt durchgeführt wurde. Experten aus Wissenschaft, Politik und Nichtregierungsorganisationen tauschten sich über die Ergebnisse unterschiedlicher Arbeitsgruppen aus, die sich seit Ende 2009 im Rahmen von fünf Kolloquien mit diesem Thema beschäftigten. Neben grundsätzlichen Überlegungen zu Zielen und Kriterien wurde insbesondere über Finanzierungsmöglichkeiten und die menschlichen Aspekte einer nachhaltigen Grundsicherung diskutiert. Vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) nahmen Maike Böcker und Karin Schürmann teil, die in ihrem Vortrag ausloteten, inwieweit eine nachhaltige Grundsicherung ein Mittel sein kann, um den Herausforderungen des globalen Klimawandels zu begegnen und um eine Anpassung an seine Folgen zu unterstützen.
Erinnerung und Zukunft: Veranstaltungsreihe „Perspektiven der Erinnerungsforschung“ gestartet
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Die Vorstellung, die wir von unserer Zukunft entwickeln, hängt eng damit zusammen, wie wir unsere Erinnerung konstruieren. Dies war die Ausgangsannahme für die interdisziplinäre Konferenz „Erinnerung und Zukunft“, die am 7. und 8. Dezember am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) stattfand. Es war die erste Veranstaltung in der Reihe „Perspektiven der Erinnerungsforschung“. Die Referentinnen und Referenten sprachen unter anderem darüber, wie wir auf neuronaler Ebene Vergangenheit und Zukunft konstruieren, gaben einen Einblick in die Geschichte der Zukunftsforschung seit den 1960er Jahren und stellten die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse der neurowissenschaftlichen Kognitionsphilosophie vor. Im Vordergrund der intensiven Diskussionen standen vor allem die Rolle von individuellen und kollektiven Erfahrungen für prospektive Annahmen und tatsächliches Handeln sowie die Beziehungen von Erinnerung und Zukunft innerhalb wissenschaftlicher Begrifflichkeiten. Als Ziel für die künftige Arbeit wurde unter anderem eine stärkere Verknüpfung der Erinnerungsforschung mit der sozialwissenschaftlichen Erforschung von Handlungen angeregt. Neben Harald Welzer und Christian Gudehus vom KWI nahmen unter anderen an der Konferenz teil Jenny Anderson (Institute for Future Studies Stockholm), Sarah Gensburger (ISI Paris), Amadeo Osti Guerrazzi (DHI Rom), Sabine Moller (Humboldt-Universität zu Berlin), Monika Palmberger (Max Planck Institut Göttingen), Martina Piefke (Universität Bielefeld) und Markus Werning (Ruhr Universität Bochum). Die vom Center for Interdiciplinary Memory Research am KWI in Zusammenarbeit mit der Humboldt Universität zu Berlin und dem Institut des Sciences social du politique (ISI) der Université de Paris-Ouest/ENS veranstaltete Reihe wird am 24. März 2011 in Paris fortgesetzt.
Spaziergang, Sozialdisziplinierung, Staublunge: 12. Band der Enzyklopädie der Neuzeit erschienen
Band 12 der Enzyklopädie der Neuzeit ist erschienen. Die Enzyklopädie erschließt mit ihren Artikeln zentrale Aspekte der neuzeitlichen Geschichte, jeder Band enthält rund 200 Beiträge aus allen Disziplinen der historischen Forschung – von der politischen Geschichte über die Geschichte der Wirtschaft und der Musik bis hin zur Religions-, Kultur- und Umweltgeschichte. Der aktuelle Band behandelt die Sozialdisziplinierung, die Anfänge des Sozialismus, die Entwicklung der europäischen Sprachen, schließlich die neuzeitliche Stadtentwicklung. Auch wer immer schon einmal etwas über die Geschichte des Spaziergangs, der Sparsamkeit, der frühneuzeitlichen Solarenergie, der Staublunge oder des Streichquartetts wissen wollte, wird auf seine Kosten kommen. Mit dem Erscheinen des aktuellen Bandes der Enzyklopädie der Neuzeit nähert sich das von Friedrich Jaeger geschäftsführend herausgegebene Gemeinschaftsunternehmen des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und des Verlags J.B. Metzler allmählich der Zielgeraden. Als lexikalisches Nachschlagewerk erschließt die seit 2005 erscheinende Enzyklopädie im Rahmen von insgesamt 16 Bänden und etwa 4.000 alphabetisch geordneten Artikeln die europäische Geschichte und ihre globalen Kontexte zwischen 1450 und 1850 und umfasst damit die Epoche der Frühen Neuzeit und des Zeitalters der bürgerlichen Revolutionen. Sie endet mit dem Beginn der Moderne, die sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat. Die einzelnen Bände erscheinen im halbjährlichen Rhythmus; mit dem Erscheinen des Registerbandes wird das Publikationsprojekt im Jahre 2012 abgeschlossen sein.
„Grünere Städte – Eine Bürgervision“
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Am Freitag, den 10. Dezember, geht die 16. Auflage der Weltklimakonferenz im mexikanischen Cancún zu Ende. Anders als letztes Jahr in Kopenhagen waren dieses Mal die Erwartungen schon im Vorfeld gering. Die Probleme jedoch bleiben. Eines davon ist die zunehmende Verstädterung und ihre Folgen für das Klima, die am Anfang des 21. Jahrhunderts in vielen Teilen des Planeten eine Tatsache sind. In den wenigsten Fällen ist das rapide Stadtwachstum von Stadtplanung und Bürgerbeteiligung gekennzeichnet. Die Sicht der verantwortlichen Politiker ist meist auf kurzfristige Wahlerfolge ausgerichtet, langfristig wirksame Projekte kommen meist nicht einmal zustande. Staatliche Regelungsversuche, zu denen auch die Weltklimakonferenz gehört, sind selten erfolgreich. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Städte zu Agenturen des Wandels für den Klimaschutz werden können. Dies wurde auf dem internationalen ausgerichteten Symposium „Civic Vision for greener Cities“ diskutiert, das vom Goethe-Institut Mexiko zusammen mit der Architekturfakultät der Nationaluniversität UNAM ausgerichtet wurde. Die Teilnehmer besprachen Möglichkeiten und Chancen der Bürgerbeteiligung in verschiedenen Ländern wie Kanada, Mexiko und Deutschland. Mit dabei waren auch Björn Ahaus und Gitte Cullmann vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Björn Ahaus stellte die „Klima-Initiative Essen“, ein demnächst anlaufendes Verbundprojekt der Stadt Essen, Essener Unternehmen, wissenschaftlichen Einrichtungen und dem KWI vor. Die Ergebnisse der Konferenz dokumentierte Gitte Cullmann in einem Blog auf der Seite des Goethe-Instituts.
Helden erforschen
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Wie wird man zum Helden? Mit dieser Frage beschäftigte sich im November ein Workshop des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Sechs junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten ihre aktuellen Forschungsprojekte rund um moderne Helden vor. Sie diskutierten über die Relevanz des Heldentums, das öffentlich wieder zunehmende Aufmerksamkeit erfährt. Florian Schnürer berichtete über die „Ritter der Lüfte“ des Ersten Weltkrieges: Figuren wie der „rote Baron“ wurden in Deutschland und Frankreich zum Ansporn der Truppe, aber auch zur Verharmlosung des technisierten Massensterbens im Bild des ritterlichen Fliegerduells genutzt. Im Gegensatz dazu wurden die alliierten Flieger während des Zweiten Weltkrieges diffamiert, denen die zivilen Luftschützer heroisch gegenübergestellt wurden. Dieses Wechselspiel von Helden- und Feindkonstruktion beschrieb Georg Hoffmann in seinem Beitrag über Fliegermorde in Österreich. Dass Helden nicht immer nur staatlicher Propaganda entspringen, sondern auch von oppositionellen Bewegungen zu einem machtvollen Symbol aufgebaut werden können, zeigte der Vortrag von Sabine Stach: Die Kulturwissenschaftlerin untersuchte dissidente Märtyrer, wie den Studenten Jan Palach, der sich 1969 als Protest gegen die Zensurpolitik nach dem Prager Frühling auf dem Wenzelsplatz verbrannt hatte. Weitere Vorträge beschäftigten sich mit ambivalenten Heldenfiguren im politischen Drama, mit sozialistischen und autobiografischen Heldenerzählungen etwa in einem norddeutschen Seekabelwerk. Ingesamt stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung fest, dass sich Heldenbilder im 20. Jahrhundert stärker „veralltäglicht“ und ausdifferenziert haben. Zugleich wurde deutlich, dass sowohl die Heldentaten selbst als auch ihre Rezeption noch unzureichend erforscht sind. Eines stand für alle Diskutanten fest: Um zum Helden zu werden braucht es andere, die einen dazu machen.
„Im Gespräch“ mit Christian Gudehus: Der lange Schatten der NS-Vergangenheit in Familien
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„Die Enthüllungen über die Verstrickungen des Auswärtigen Amtes in der NS-Zeit haben einmal mehr den BIick auf die deutsche Vergangenheit geworfen. Was schlummert noch in den Archiven? Wie lang sind die Schatten der Kriegszeit und des Nationalsozialismus, nicht nur in den Institutionen, sondern auch in den Familien?“ Das fragte Deutschlandradio Kultur in der Sendung „Im Gespräch“, in der auch Christian Gudehus, Erinnerungsforscher am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, zu Gast war. Lesen Sie auf der Seite von Deutschlandradio Kultur einen Ausschnitt oder hören Sie die vollständige Sendung.
Neuerscheinung: Kultur im Konflikt. Claus Leggewie revisited
Claus Leggewie, Politik- und Sozialwissenschaftler und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, hat zahlreiche politische und wissenschaftliche Debatten in der Bundesrepublik und Europa angestoßen oder maßgeblich beeinflusst. Nicht selten bewies er dabei ein hervorragendes Gespür für zentrale Themen unserer Zeit, etwa mit seinen Überlegungen zur multikulturellen Gesellschaft, dem Blick auf Generations- und Medienumbrüche sowie den Klimawandel. Leggewies Texte haben regelmäßig die Grenzen zwischen den Disziplinen überschritten und oft für ein breites Echo auch jenseits akademischer Fachgrenzen gesorgt. „Kultur im Konflikt“ (transcript, Bielefeld 2010) versammelt nun erstmals Schlüsseltexte von Claus Leggewie aus fünf Themenkreisen: Demokratiekulturen, Multikultur, Erinnerungskulturen, Generationenkonflikte und Wissenschaftskulturen.
In diesem Buch werden Originaltexte Leggewies von namhaften Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Disziplinen kommentiert und in aktuelle Zusammenhänge eingeordnet.
Die Zukunft der Familie
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Welche Gestalt wird die Familie in Zukunft haben und wie sehen die Zukunftsentwürfe von Familien aus? Diese beiden Fragen standen im Mittelpunkt der internationalen Konferenz „Imagine That! The Future of the American Family“, die Mitte November an der Emory University in Atlanta stattfand und bei der das Center for Interdisciplinary Memory Research des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen als Mitveranstalter auftrat. Harald Welzer definierte in seiner Einführung die Familie als System, das per se Zukunft generiert. Die weiteren Vorträge und Diskussionen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kreisten vor allem um die Konsequenzen des anhaltenden technologischen Wandels auf die Beziehungen zwischen Familienmitgliedern und die Entwicklung von Kindern. Lesley Anne Bleakney, Sophie Neuenkirch und Jens Kroh, die in ihrer qualitativen Vergleichsstudie „The Comparative Family History Project“ Familiengespräche über die jüngste Wirtschaftskrise auswerteten, stellten ihre Ergebnisse vor: Drei-Generationen-Familien in Deutschland, Luxemburg und den USA sprechen etwa gleich häufig über die Wirtschaftskrise und bringen ähnliche Themen damit in Verbindung. So ging es in den Familiengesprächen etwa oft um Bildung als wichtiger Faktor gegen sozialen Abstieg. US-amerikanische Familien hoben sich von luxemburgischen und deutschen Familien hingegen besonders dadurch ab, dass sie der Enkelgeneration ausnahmslos ein positives Zukunftsbild zu vermitteln suchten, indem sie die Risiken der Krise kommunikativ minimierten.
Literarischer Salon: Esterházy zu Gast in Essen
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Am 17. November war der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy zu Gast bei Navid Kermani und Claus Leggewie. Im Café Central des Grillo-Theaters sprach er über Väter, literarische Schnipsel und den jungen Schriftsteller Esterházy im Ungarn der Siebzigerjahre. 1950 in Budapest geboren, schrieb Esterházy 2000 mit „Harmonia Caelestis“ einen Roman, in dem sich Moderne und Barock zu einem unvergleichlichen Familienepos verbinden, der zugleich eine Geschichte Europas ist. Nach Erscheinen des Romans musste Esterházy feststellen, dass sein Vater mit dem kommunistischen ungarischen Geheimdienst zusammengearbeitet hatte. Diese Geschichte verarbeitete er auch in seinem Roman „Verbesserte Ausgabe“ von 2003. Sehr persönlich berichtete er im Grillo-Theater von dem Moment, als er zum ersten Mal die Handschrift seines Vaters in den Berichten der Geheimdienstakten erkannte. Neben der Lesung aus seinen Texten hatte er auch Musik mitgebracht, die ihm besonders am Herzen liegt, unter anderem auch Janis Joplins „Mercedes Benz“. Der Literarische Salon in Essen ist eine Initiative des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und wird unterstützt von der Stiftung Mercator und dem Schauspiel Essen. Der nächste Literarische Salon findet am 12. Januar 2011 mit Paul Maar statt.
AKKU-Nachwuchspreis für „Sharing the Risk. Fire, Climate and Disaster, Swiss Re 1863-1906”
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Eleonora Rohland, Doktorandin am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, hat den Nachwuchspreis des Arbeitskreises für kritische Unternehmens- und Industriegeschichte (AKKU) erhalten. Der AKKU-Preis wird alle zwei Jahre an eine Abschlussarbeit (Dissertation oder Magisterarbeit) vergeben. Eleonora Rohland wurde ausgezeichnet für ihre Magisterarbeit, die 2009 bei Prof. Dr. Christian Pfister an der Universität Bern eingereicht wurde und sich im Grenzbereich zwischen Versicherungs- und Klimageschichte bewegt. Im Januar 2011 erscheint sie unter dem Titel „Sharing the Risk. Fire, Climate and Disaster, Swiss Re 1863-1906“ beim englischen Verlag Crucible Books (Carnegie Publishing). Stellvertretend für die Jury resümierte Boris Gehlen in seiner Laudatio: „Eleonora Rohland entwirft ein klares Forschungsdesign, erzielt beachtenswerte empirische sowie analytische Ergebnisse und beschreibt nebenbei frühe Globalisierungsgeschichte. Die Arbeit stellt ohne Wenn und Aber eine herausragende Leistung dar. Sie ist methodisch innovativ, interdisziplinär und mit klarer Problemorientierung, zudem theoretisch beachtlich fundiert – und entspricht damit allen Kriterien, die an den AKKU-Nachwuchspreis angelegt werden.“ Die Preisverleihung fand am 12. November 2010 im Stadt- und Industriemuseum in Rüsselsheim statt.
Bildungsabschluss allein genügt nicht - Studie untersucht hochqualifizierte Einwanderung im Ruhrgebiet
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Ob hochqualifizierte Einwanderer eine Anstellung im Ruhrgebiet finden, hängt nicht allein von ihrem Bildungsabschluss ab: Neben bürokratischen Hürden erschweren auch Vorbehalte gegenüber ausländischen Akademikern den Erfolg. Einwanderer, die ihre „bikulturellen“ Kompetenzen für ihre Tätigkeit nutzen können, haben es dabei auf dem Arbeitsmarkt wesentlich leichter. Dies geht aus der Studie „Hochqualifizierte Zuwanderer mit Bezug zum Ruhrgebiet“ hervor, die das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) gemeinsam mit der RUHR.2010 GmbH durchgeführt hat. Die Verfasserin der Studie, Ulrike Ofner, befragte hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten, warum sie ins Ruhrgebiet kommen, warum sie bleiben oder wieder abwandern. Im Fokus stehen die Erfahrungen, die sie auf dem hiesigen Arbeitsmarkt machen. Überraschend gut schnitt das sozio-kulturelle Klima des Ruhrgebiets ab, zu dem sich keiner der Befragten negativ äußerte. Am 15. November wurde die Studie im KWI vorgestellt.
2. Spiekerooger Klimagespräche: Glück in Zeiten des Klimawandels
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Ab einem bestimmten Wohlstandsniveau, das belegen verschiedene Untersuchungen, trägt ein weiteres Wirtschaftswachstum nicht zu mehr Glück in der Bevölkerung bei. Die moderne Vorstellung von Glück basiert jedoch in der westlichen Welt weiterhin auf Gewinnmaximierung, Wachstum und übersteigertem Wettbewerb, was auch den Leistungsdruck auf den Einzelnen erhöht und den so genannten Zivilisationskrankheiten wie Depressionen Vorschub leistet. Gleichzeitig bedroht der globale Klimawandel auch westliche Wohlstandsgesellschaften in immer stärkerem Maße. Beide Umstände hängen zusammen und erfordern neue Konzepte von Politik, gesellschaftlichen Institutionen und der Wissenschaft. Bei den 2. Spiekerooger Klimagesprächen definierten in der vergangenen Woche rund 30 Vertreterinnen und Vertreter der Sozial-, Kultur-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften die wichtigsten Handlungsfelder an der Schnittstelle zwischen persönlicher Glückswahrnehmung und Klimawandel. Reinhard Pfriem von der Universität Oldenburg, neben Ludger Heidbrink vom KWI einer der Mitorganisatoren, fasst zusammen: „Es gibt viele Studien, die belegen, dass die Basis für größeres persönliches Glück bessere soziale Beziehungen sind, weniger Mobilität, selbstbestimmtere Arbeitsformen und mehr Selbstversorgung. Praktisch umsetzen lässt sich dies etwa durch die Entwicklung neuer Wohnformen, Aktivitäten von städtischem Gärtnern und Eigenversorgung oder eine neue Wertschätzung von Lebensmitteln. Die Teilnehmer der Klimagespräche waren sich einig, dass das Ziel sein muss, eine solidarische Ökonomie voranzutreiben, um auch zwischen Unternehmen und Verbrauchern neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln zu können.“ Die 3. Spiekerooger Klimagespräche werden vom 17. bis 19. November 2011 stattfinden.
Ash: „Wir brauchen einen liberalen Multikulturalismus“
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Auch Großbritannien gehöre zu Europa, auch wenn seine Landsleute das manchmal anders sehen würden, sagte Timothy Garton Ash am Mittwochabend im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Im Gespräch mit Claus Leggewie stellte der britische Historiker und Intellektuelle sein neues Buch „Jahrhundertwende. Weltpolitische Betrachtungen“ vor. Er führte aus, dass wir in einer „zunehmend post-westlichen Welt“ leben, in der es nicht mehr selbstverständlich sei, dass alle Macht und aller Reichtum im Westen angesiedelt seien. Die häufigste Reaktion darauf sei in Europa das Bestreben, das Erreichte gegen die vermeintlich „Anderen“ zu verteidigen, wie die populistischen Bewegungen zeigten. Dies liegt laut Ash auch daran, dass hier drei wesentliche Fehler begangen worden sind: Erstens hat es zu lange Immigration ohne Integration gegeben, zweitens verfügen viele Migranten der zweiten oder dritten Generation nicht über ausreichende sprachliche Kenntnisse. Der dritte Fehler werde momentan begangen, indem von einem zuvor oft oberflächlichen Multikulturalismus auf „Monokulti“ umgeschwenkt werde. Auch wenn der Begriff des Multikulturalismus inzwischen ideologisch aufgeladen sei, müsse es darum gehen, einen neuen und zwar liberalen Multikulturalismus zu schaffen, dessen Basis die individuelle Freiheit ist. Letztlich müsse man sich vor allem über gewisse „liberal essentials“ verständigen, also über Werte, die nicht verhandelbar sind wie Menschenrechte, Redefreiheit, Gleichberechtigung. Neben der Erweiterung der Freiheit in Europa sei die Entwicklung einer europäischen Außenpolitik das wichtigste Anliegen. Dabei gehe es nicht um die Schaffung einer neuen Weltmacht, sondern darum, dass Europa wirklich zusammenwachsen müsse, um seine eigenen Interessen gegen China, Russland oder die USA behaupten zu können. Insbesondere in Bezug auf die größte aktuelle Herausforderung, den globalen Klimawandel, sei dies eine unbedingte Notwendigkeit.
Erste Kooperation des KWI mit den Essener Filmkunsttheatern – Sondervorstellung "Jud Süss"
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Am 25. Oktober zeigte das Filmstudio Glückauf den 1940 uraufgeführten NS-Propagandafilm „Jud Süss“. Bei der vom KWI organisierten wissenschaftlichen Rahmung diskutierten unter der Leitung von Dr. Christian Gudehus , Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Center for Interdisciplinary Memory Research (CMR) am KWI, die Göttinger Historikerin PD Dr. Alexandra Przyrembel und der Bochumer Historiker Armin Nolzen im Anschluss an die Filmvorführung mit dem Publikum über die zeitgenössische und heutige Wirkung des Films. Ob dieser oder andere so genannte Vorbehaltsfilme tatsächlich nur mit wissenschaftlicher Begleitung gezeigt werden sollten war eine der Fragen, für die sich die ZuschauerInnen im ausverkauften Filmstudio interessierten.
Diese erste Kooperation bildet den Auftakt für weitere gemeinsame Veranstaltungen der Essener Filmkunsttheater mit dem KWI.
Lesart Spezial: Paranoia - Attentate und unsere Sehnsucht nach Sicherheit
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Gäste der von Prof. Dr. Claus Leggewie moderierten Lesart Spezial am 25. Oktober waren Prof. Dr. Manfred Schneider vom Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum und Dr. Guido Steinberg, Islamwissenschaftler und Mitarbeiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Schneider stellte sein neues Buch „Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft“ (Matthes & Seitz, Berlin 2010) vor, in dem er anhand einer Vielzahl von Beispielen - beginnend mit Brutus’ Cäsarenmord, über die Ermordung Marats, John F. Kennedys oder John Lennons bis hin zu den heutigen Selbstmordattentätern - die psychologische Struktur des Attentäters analysiert und zeigt, dass sich die Paranoia der Täter in der Paranoia der Interpreten wiederholt und heute im Wahn einer Hochsicherheitsgesellschaft ihr Ziel erreicht. Guido Steinberg präsentierte das Buch „Allahs Missionare – Ein Bericht aus der Schule des Heiligen Krieges“ (Dumont Buchverlag, Köln 2010) des Journalisten Willi Germund, der die Spuren radikaler Muslime in Pakistan, Indien und Afghanistan verfolgt. Lesart Spezial wird am 31. Oktober von 12.30 Uhr bis 13.00 Uhr im Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt.
Transatlantisches Symposium an der Boston University zur Wahrnehmung des Klimawandels

© Pardee Center
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Inwiefern unterscheidet sich die Wahrnehmung des Klimawandels in den USA und Europa? Welche Rolle spielen die Medien, Filmemacher sowie Kunst- und Kulturschaffende bei der Wahrnehmung eines abstrakten Phänomens wie der Erderwärmung? Dies waren die Fragen, die Journalisten, Akademiker und Künstler im Rahmen eines zweitägigen Symposiums diskutierten, welches das KWI in Kooperation mit dem Goethe Institut Boston und dem Frederick S. Pardee Center for the Study of the Longer-Range Future am 18. und 19. Oktober an der Boston University veranstaltete. Andrew Revkin, Senior Fellow am Pace Academy for Applied Environmental Studies, und Autor des New York Times-Blogs "Dot Earth" betonte, dass Klimaschutzstrategien sich nicht nur an den wissenschaftlichen Fakten, sondern auch der öffentlichen Wahrnehmung orientieren müssen, um erfolgreich zu sein. Igor Vamos (alias Mike Bonanno), Associate Professor am Rensselaer Polytechnic Institute und Mitglied der Yes Men beschrieb, wie sich mittels künstlerischer Interventionen und Zuspitzungen selbstauferlegte kulturelle Barrieren transzendieren lassen. Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hob hervor, dass sich Unterschiede in der Wahrnehmung und Bewertung des Klimathemas, weniger in den unterschiedlichen Wissenschaftsgemeinschaften, als in den Medien dies- und jenseits des Atlantiks finden lassen. Die Veranstaltung wurde von Dr. Bernd Sommer, Research Fellow am KWI, kuratiert. Ein Bericht sowie ein Videomitschnitt der Veranstaltung finden Sie auf der Homepage des Pardee Centers.
Verantwortung in der Region
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Wie können regionale Lernallianzen, Partnerschaften und Netzwerke im Rhein-Ruhr-Gebiet gefördert werden? Auf welche Weise kann das Innovationspotential von Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten (CSR) für die Region weiter entwickelt werden? Diese Fragestellungen waren Kernpunkte eines Workshops, der am 19. Oktober vom Center for Responsibility Research (CRR) am KWI zusammen mit dem Labor für Organisationsentwicklung der Universität Duisburg-Essen veranstaltet wurde. Wissenschaftler, Praktiker aus Unternehmen und Non-Profit-Organisationen sowie Vertreter der Politik gaben vor dem Hintergrund des „Netzwerkes Verantwortung Ruhr“ einen Einblick in den Stand der Entwicklung unternehmerischen und zivilgesellschaftlichen Engagements. Dabei wurde deutlich, dass regionale Herausforderungen wie kulturelle Integration und demographischer Wandel durch eine bessere Verantwortungsteilung zwischen Politik, Wirtschaft und Bürgergesellschaft bewältigt werden müssen, wozu sich in NRW schon eine Vielzahl laufender Initiativen und Projekt finden lässt.
Neuerscheinung: Interkultur - Jugendkultur. Bildung neu verstehen
Deutschland ist eine Gesellschaft, in der Menschen unterschied-licher kultureller Herkunft alltags-praktische Formen interkultureller Kommunikation herausgebildet haben. Insbesondere die Schulen sind Orte, in denen Interkulturali-tät praktisch gelebt wird. Hier setzen die soziologischen und sozialphänomenologischen Forschungsbeiträge des von PD Dr. Alfred Hirsch und Apl. Prof. Ronald Kurt herausgegebenen Aufsatzbandes "Interkultur – Jugendkultur. Bildung neu ver-stehen" (VS Verlag, Wiesbaden 2010) an. Im Zentrum des Buches steht die Frage nach dem Bildungsraum Schule als einer Kontaktzone, in der Jugendliche die Möglichkeiten und Grenzen interkulturellen Verstehens ausloten.
BMBF-Konferenz zur Zukunft der Megastädte in Essen
© Bundesministerium für Bildung und Forschung
Wie können Megastädte von morgen nachhaltig gestaltet werden, um sich einerseits an den Klimawandel anzupassen und andererseits einen Beitrag zur Verminderung der Folgen des Klimawandels zu leisten? Dies war die zentrale Frage der internationalen Konferenz „Future Megacities in Balance – New Alliances for Energy and Climate-Efficient Solutions“, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) am 11. und 12. Oktober auf der Zeche Zollverein veranstaltet wurde. Nachdem seit 2008 zehn Megacity-Projekte des BMBF laufen, sollte jetzt eine erste Zwischenbilanz gezogen werden. Verantwortliche aus allen Projektstädten gaben daher in unterschiedlichen Sessions und Plenen Einblick in ihre Forschungsansätze. Dr. Bernd Sommer, Research Fellow am KWI und Referent des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), brachte mit seinem Vortrag „Climate Change requires Cultural Change“ die sozialen und kulturellen Aspekt in die Debatte ein. Er hob hervor, dass technische Lösungen wie die Einführung von Elektromobilität nicht ausreichen, um eine gefährliche Erwärmung von mehr als 2 Grad Celsius zu verhindern. Zwar hätten zahlreiche EU-Staaten in den vergangenen Jahren ihre CO2-Emission insgesamt verringert, doch stiegen die Emissionen aus dem Transport-Sektor weiter an. Daher sei es notwendig, neben technischen Lösungen auch über Verkehrsvermeidung und -verlagerung nachzudenken.
Neuerscheinung: Noi non sappiamo odiare. L’esercito italiano tra fascismo e democrazia
In dem von der Gerda Henkel Stiftung finanzierten Projekt „Referenzrahmen des Krieges“ wertet ein Team von Historikern und Sozialpsychologen Abhörprotokolle des britischen Geheimdienstes aus, der während des Krieges deutsche und italienische Kriegsgefangene in eigens dafür eingerichteten Lagern belauscht hatte. Dr. Amedeo Osti Guerazzi vom Deutschen Historischen Institut Rom hat nun eine erste Monographie zu den italienischen Generälen vorgelegt. Das Buch „Noi non sappiamo odiare. L’esercito italiano tra fascismo e democrazia” gibt Aufschluss darüber, wie diese Männer schon in britischem Gewahrsam eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs entwerfen, die noch immer die entsprechende italienische Historiografie dominiert. Der Mythos von den Italienern, die „nicht hassen können“ und daher auch keine Kriegsverbrechen begangen hätten wurde, so Osti Guerazzi, bereits in den britischen Lagern kreiert.
Global Young Faculty: Neue Strategien für eine gerechte globale Gesundheitsversorgung
Dass der Zugang zu einer optimalen Gesundheitsversorgung auf globaler wie auch auf lokaler Ebene gesellschaftlich höchst ungleich verteilt ist, stellt keine wissenschaftliche Neuigkeit, sondern eine seit Jahrzehnten bekannte Tatsache dar. In der tiefen Überzeugung, dass dieser schon beinahe als „normal“ betrachtete Umstand nicht akzeptiert werden darf, organisierten die Nachwuchswissenschaftler der Global Young Faculty am 7. und 8. Oktober das internationale Symposium "Equitable Global Health" im Bergbaumuseum in Bochum. In interdisziplinär besetzten Panels wurden die Hauptursachen einer ungleichen Gesundheitsversorgung herausgearbeitet und unterschiedliche Lösungsansätze unter reger Beteiligung der rund 150 Gäste diskutiert. Dabei rückte unter anderem die ehemalige Bundesministerin für Gesundheit, Andrea Fischer, soziale Faktoren in den Fokus der Betrachtungen, wie beispielsweise die stark divergierende Kompetenz in Gesundheitsfragen aufgrund unterschiedlicher Vorbildung. Ferner beleuchtete Prof. Dr. Torsten Strohmeyer, Leiter Forschung und Medizin bei GlaxoSmithKline Deutschland, die Rolle und die Verantwortung der pharmazeutischen Industrie in der globalen Gesundheitsversorgung. Daneben wurden zwei Kernthemen der aktuellen und insbesondere künftigen Gesundheitsversorgung thematisiert: Der Kampf gegen sowie der Umgang mit Pandemien und Tumorerkrankungen. Diesbezüglich wies Prof. Dr. Michael Lotze vom Cancer Institute der Universität Pittsburgh beispielsweise darauf hin, dass Krebs Herzerkrankungen bald als Haupttodesursache ablösen wird und stellte innovative Behandlungsmethoden vor. Eine filmische Zusammenfassung der Kernaussagen des Symposiums wird in Kürze auf der Konferenzhomepage veröffentlicht.
Hans Mommsen zu Gast im KWI
Foto: Alexandra Umbach
Aus Anlass des neu erschienenen Buches „Zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert: Demokratie, Diktatur, Widerstand“ (DVA Verlag, München 2010) war Prof. Dr. Hans Mommsen, einer der bedeutendsten Historiker Deutschlands, am 5. Oktober zu Gast im KWI. Auf der gemeinsam mit der Buchhandlung Proust ausgerichteten und von Prof. Dr. Harald Welzer moderierten Veranstaltung skizzierte Mommsen die zentralen Thesen der im Buch veröffentlichten Aufsätze und zog damit gleichzeitig Bilanz seines Arbeitsschwerpunktes, der Geschichte der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus.
Das KWI bei der deutsch-französischen Spätsommerschule in Moulin d'Andé
© CIERA
Auf einem gemeinsam vom Center for Interdisciplinary Memory Research (CMR) am KWI und dem Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne organisierten Seminar im normandischen Moulin d’Andé diskutierten deutsche und französische NachwuchswissenschaftlerInnen über verschiedene Dimensionen von Konflikten wie den inneren Konflikt, jenen zwischen Staaten oder die Formen Konflikte zu erzählen – beispielsweise im Theater oder in der Literatur. Darüber diskutierten Historikerinnen, Soziologen, Theaterwissenschaftlerinnen und Politologen mit Experten wie Ulrich Bielefeld vom Hamburger Institut für Sozialforschung, Eva Horn, Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien, dem Politikwissenschaftler Olivier Giraud und dem Direktor des CIERA, Michael Werner. Vom KWI nahmen die Doktoranden Sebastian Groß und Sebastian Wessels und die Experten Alfred Hirsch und Carmen Meinert sowie Mitorganisator Christian Gudehus teil.
KWI mit Gästen: Bewegung im Ruhrgebiet. Eine Kultursoziologie der Bahnreise zwischen Last und Lust
Foto: Marek Eggemann
Die Veranstaltungsreihe KWI mit Gästen – Dialoge über Zeit- und Streitfragen, die das KWI seit 2007 mit prominenten Einladern durchführt, geht in diesem Jahr im Rahmen des Melez.2010 – Festival der Kulturen auf Reisen. Unter dem Titel „Trains in Motion - Europa in Bewegung“ geht es im Weißen Wagen des Melez-Zuges quer durchs Ruhrgebiet. Zur Auftaktveranstaltung diskutierten am vergangenen Sonntag Holger Kohring, Vorstandsvorsitzender von Pro Bahn Ruhr e.V. und Dr. Martin Schiefelbusch, Bereichsleiter des Forschungsschwerpunkts Mobilität, Raum, Demografie am Nexus Institut in Berlin unter der Moderation von KWI-Direktor Prof. Dr. Claus Leggewie über die Last und Lust von Bahnreisen. Dabei wurde die Bahnreise unter reger Beteiligung des Publikums aus drei Perspektiven betrachtet: Die des einfachen Bahnkunden, die der Pendler und Geschäftsreisenden und derer, die das Bahnfahren als Event begreifen. Nachdem der Melez-Zug vom Duisburger Hauptbahnhof aus seine Jungfernfahrt zum Dortmunder Hauptbahnhof startete und auch der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube, und Ruhr.2010-Geschäftsführer Dr. Fritz Pleitgen im Weißen Wagen halt machten, nahm der Kulturzug wieder Kurs auf den Duisburger Hauptbahnhof. Am 10. Oktober findet die nächste Veranstaltung der Reihe "KWI mit Gästen" im Weißen Wagen statt. Dann begrüßt Anne-Katrin Lang, KWI-Mitarbeiterin im Forschungsbereich Europäische Geschichtspolitik, die Gäste Katarina Bader, Piotr Buras und Maurice Herchenbach.
Neuerscheinung: Prekarisierung und Ressentiments. Soziale Unsicherheit und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland.
Die Entwicklung sozialer Unsicherheit und rechtsextremer Einstellungen im vereinten Deutschland untersuchte Dr. Bernd Sommer in seiner im VS Verlag erschienen Dissertation. Darin wertet er statistische Repräsentativdaten sowie verschiedene quantitative und qualitative Untersuchungen aus. Die Studien zeigen, dass weniger die faktische sozioökonomische Lage (wie akute Arbeitslosigkeit) als vielmehr ein allgemeines Gefühl der Verunsicherung und wirtschaftliche Zukunftsängste einen Einfluss auf das Niveau rechtsextremer Orientierungen ausüben. Ein zentrales Untersuchungsergebnis lautet demnach, dass zwar ein Zusammenhang zwischen sozialer Prekarisierung und der Entstehung und Verbreitung rechtsextremer Einstellungen besteht – jedoch nicht in der Pauschalität und Zwangsläufigkeit, wie häufig angenommen wird. Die Wahl der spezifischen sozialen Gruppen, welche Opfer von Abwertung und Diskriminierung werden, erfolgt zudem nicht willkürlich, sondern ist aufs Engste mit der konkreten Machtverteilung (zwischen diskriminierten und diskriminierenden Gruppen) sowie ihrer institutionellen Ausprägung in der Gesellschaft verknüpft. Die Dissertation ist durch Prof. Dr. Harald Welzer betreut und von der Friedrich Ebert Stiftung (FES) gefördert worden.
Claus Leggewie: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?
Foto: Volker Wiciok
Das KWI arbeitet mit an der Entwicklung von Szenarien zur sozialen, politischen, ökonomischen und normativen Entwicklung. Zwei neue Beiträge des KWI-Direktors Prof. Dr. Claus Leggewie befassen sich nun mit der Frage, wie Eckpfeiler moderner Gesellschaften von Klimaveränderungen betroffen sein könnten. Schließlich zwänge eine drohende Naturgefahr der Menschheit die Frage auf, in welcher Gesellschaft sie künftig Leben will. In den Publikationen „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ, „Futur Zwei. Klimawandel als Gesellschaftswandel“) und Vorgänge („Klimaschutz erfordert Demokratiewandel“, Heft 2/2010, S. 35 – 43) diskutiert Leggewie unter anderen die Fragen: Werden Staaten, private Organisationen und Individuen über Kultur- und Religionsgrenzen hinweg enger kooperieren oder sich stärker abschotten? Wie werden sich neun oder zehn Milliarden Menschen fortbewegen, womit werden sie Fahrzeuge betreiben, wovon werden sie sich ernähren, wie werden sie den Boden nutzen? Und wie kann sich energischer Klimaschutz demokratisch legitimieren?
Mahmud Doulatabadi und Bahman Nirumand zu Gast beim Literarischen Salon
Foto: Simon Bierwald, © Stiftung Mercator
Zur Auftaktveranstaltung der Reihe „Der Literarische Salon“ haben die Gastgeber Navid Kermani und Claus Leggewie den iranischen Schriftsteller Mahmud Doulatabadi und seinen Übersetzer Bahman Nirumand am 22. September im Grillo-Theater empfangen. Neben iranischer Volksmusik, die für Mahmud Doulatabadi sowohl Freude als auch Leid ausdrückt, lauschte das Publikum einer von Doulatabadi vorgetragenen Passage aus „Der Colonel“ (Unionsverlag, Zürich, 2009), die später von Tom Gerber, Schauspieler am Grillo-Theater, auf Deutsch rezitiert wurde. In der anschließenden Diskussion über die Iranische Revolution 1978/1979, deren Umwälzungen auch Thema des Buches sind, betonte Doulatabadi, dass es Aufgabe der Künstler und Schriftsteller sei, Einsicht in die Geschehnisse zu vermitteln. Im weiteren Verlauf des Abends wurden Passagen aus dem Königsbuch, dem persischen Nationalepos, vorgetragen, zu denen Doulatabadi eine besondere Beziehung durch seinen Vater hat. Der Literarische Salon findet in Essen auf Initiative des KWI statt, unterstützt von der Stiftung Mercator und dem Schauspiel Essen. Zum nächsten Literarischen Salon am 17.11.2010 heißen die Gastgeber Péter Esterházy willkommen.
Geschäfte mit dem Teufel - Buchvorstellung mit Ladislaus Löb
Foto: Sabine Rehorst
„Geschäfte mit dem Teufel. Die Tragödie des Judenretters Resző Kasztner“ von Ladislaus Löb beschreibt zwei miteinander eng verbundene Geschichten. Der Autor erzählt seine eigene Geschichte, die ihn über das Klausenburger Ghetto und Bergen-Belsen schließlich mit der so genannten Kasztner-Gruppe in die Schweiz führt. Die zweite Geschichte ist jene von den Verhandlungen, die ungarische Juden mit der SS führten und deren Ziel es war, möglichst viele Juden freizukaufen oder zumindest den Holocaust in Ungarn mit Blick auf das nahende Kriegsende zu verlangsamen. Am 15. September stellte Ladislaus Löb sein Buch in der Alten Synagoge Essen vor. Das Buch zeigt aktive und mutige Juden, die ihr Schicksal in die Hand nehmen. Löb beschreibt die Juden dabei weder als Opfer noch als Heilige, sondern als Menschen mit allen denkbaren Schwächen und Stärken. In seiner Einführung betonte Christian Gudehus, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Center For Interdisciplinary Memory Research am KWI, das wissenschaftliche Interesse an denjenigen die auf Täterseite in der Regel aus opportunistischen Gründen eine Rolle in solchen „Rettungsaktionen“ spielten. Sich mit ihnen zu beschäftigen, sei für ein umfassendes Verständnis des Geschehens unverzichtbar.
Growing by Shrinking. Konsum, Glück und Lebensqualität
© KWI
Dass unser heutiges Konsumverhalten unkalkulierbare Risiken heraufbeschwört, ist spätestens seit der Debatte um den Klimawandel in das Bewusstsein der deutschen Bevölkerung gerückt. Doch was müssen wir tun, um diese Risiken zu verringern? Reicht es aus, einfach nur anders zu konsumieren, indem wir Bio-Produkte kaufen und Sprit sparende Autos fahren? Auf der interdisziplinären Tagung „Growing by Shrinking. Konsum, Glück und Lebensqualität“, die am 14. und 15. September im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) stattfand, wurde vor allem gefragt, welche Konsequenzen die Veränderung unserer Konsumgewohnheiten für die soziale Lebensqualität haben. In ihrem einleitenden Abendvortrag erläuterte Prof. Dr. Lucia Reisch von der Copenhagen Business School anhand von Erkenntnissen der Verhaltensökonomik, dass Konsumenten in ihren Entscheidungen durch begrenzte Informationsverarbeitungskapazitäten kurzfristige Zielsetzungen verfolgen und sich von Emotionen beeinflussen lassen. Die Teilnehmer der folgenden Tagung stimmten größtenteils darin überein, dass eine Verringerung der Konsumquantität dringend geboten sei und die meisten Menschen mehr konsumieren, als für ihr Wohlbefinden erforderlich ist. Schlimmer noch: Der Konsum kostet uns wichtige Lebenszeit, die für Glückserfahrungen – etwa in sozialen Beziehungen oder sinnvollen Tätigkeiten – nötig ist. Das Ergebnis der Tagung lautete: Damit der Verzicht auf Konsum nicht als Einbuße an Lebensqualität erfahren wird, müssen sich nicht nur unsere Gewohnheiten ändern. Es bedarf auch neuer gesellschaftlicher Ziele jenseits der bisherigen Wachstumsorientierungen.
Klima-Initiative Essen gewinnt BMBF-Wettbewerb Energieeffiziente Stadt
© Dr. Karsten Lindloff
Die "Klima-Initiative Essen - Handeln in einer neuen Klimakultur" gehört zu den fünf Gewinnern des Wettbewerbs „Energieeffiziente Stadt“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, wie am 15. September auf der Abschlussveranstaltung der zweiten Phase des Wettbewerbs in Berlin bekannt gegeben wurde. In dem Verbundprojekt haben sich das KWI, mit dem Forschungsschwerpunkt KlimaKultur, die Stadt Essen sowie kommunale Unternehmen und Forschungsinstitute der Universität Duisburg-Essen zusammengetan um konkrete Maßnahmen für den regionalen Klimaschutz zu entwickeln. „Wir freuen uns sehr, dass die Klimakultur so gut angekommen ist“, so KWI-Direktor Claus Leggewie. Mit dem Gewinn ist die fünfjährige Förderung des Projekts verknüpft. Das Projekt zeigt Wege auf, wie private Haushalte und Verbraucher gemeinsam mit der Stadtverwaltung, Energieversorgern und Verkehrsbetrieben Energie einsparen können. Nach Ansicht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung liegt die Stärke des Konzepts im ganzheitlichen und partizipatorischen Ansatz sowie in der Entwicklung von neuen Dienstleistungen und Finanzierungsmodellen in den Feldern der Gebäudesanierung, Stadtentwicklung, Mobilität und erneuerbaren Energien.
Energiekonzepte für Deutschland und die Welt
© Dr. Peter Risthaus
Die Neuordnung der Energieversorgung unter ökologischen Gesichtspunkten, die ungelöste Endlagerfrage, die beschlossene Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke und die damit verbundenen Zukunftsinvestitionen im Bereich erneuerbare Energien – Wie sehen die Energiekonzepte für Deutschland und die Welt aus? Unter der Moderation von Claus Leggewie diskutierten Fritz Vahrenholt, CEO RWE Innogy, Johannes Remmel, Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW und Dirk Messner, Leiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, diese Frage am 7. September 2010. Die Podiumsdiskussion bildete den Abschluss der Meisterklasse „Energiezukünfte“ im Rahmen der interdisziplinären Sommerakademie Prometheus 2010, veranstaltet von der Universität Duisburg-Essen und dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI), gefördert durch die RWE AG. Fritz Vahrenholt machte deutlich, dass die erneuerbaren Energien, vor allem die Windenergie, in Zukunft gerade für Deutschland immer wichtiger werden, obgleich die Kernkraft als Sicherung der Grundlast notwendig sei. Johannes Remmel sieht im Bereich Energiebedarf auch eine große Herausforderung für das Land NRW, das immer noch sehr auf Kohle setze. Von NRW nach China richtete schließlich Dirk Messner den Blick, er identifizierte in der aktuellen chinesischen Diskussion Strategien, die zwischen einer konservativen Ausrichtung auf die CO2-lastige Kohle und der ökologischen Modernisierung schwanken. Messners Plädoyer für eine breite, offene Debatte über Fragen möglicher Energiezukünfte und dafür, die Bürger früh in diese Debatte einzubeziehen, fand auch unter den Teilnehmern der Sommerakademie regen Zuspruch.
Interdisziplinäre Sommerakademie Prometheus 2010 erfolgreich gestartet
Wo kommen unsere Energien her? Diese Frage diskutieren dreißig ausgewählte TeilnehmerInnen seit Montag, 30. August, auf der Zeche Zollverein. In fünf Meisterklassen, die sich den Themen Arbeitsenergien, elektrische Städte, gebannte Leistung, poetische Energien und psychische Energien widmen, erfahren die Teilnehmer, woher unsere Energien (Wünsche, Motivationen, Techniken, Industrien, Ressourcen, Inspirationen und Ströme) kommen, wie sie aktuell beschrieben und gedacht werden und wo ihre Zukünfte liegen. Die Sommerakademie dauert neun Tage. Ergänzt werden die Klassen durch tägliche Abendvorträge/Podien, ein Beiprogramm mit Special Guests aus Literatur-, Musik- und Theaterpraxis sowie Filmreihen, die auch für die Öffentlichkeit geöffnet sind.
Die interdisziplinäre Sommerakademie wird vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) und der Universität Duisburg-Essen veranstaltet, gefördert durch die RWE-Stiftung. Das ChorWerk Ruhr und die Buchhandlung Proust sind Veranstaltungspartner.
Das KWI wünscht einen kreativen Sommer 2010!
© KWI
Mit dem 23-köpfigen Team "Geistesblitze" haben sich Mitglieder des Kulturwissenschaftlichen Instituts bereits zum zweiten Mal am jährlichen Essener Drachenboot-Rennen auf dem Baldeneysee beteiligt und so die Sommerpause eingeläutet. Unter dem Slogan "Kultur taucht auf!“ erpaddelten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einer Rennzeit von 1:16,53 Minuten den 3. Platz im A-Finale des Stauder Cups.
„Sommerpause“: Das bedeutet für das KWI veranstaltungsfreie Zeit, aber auch Zeit für die Ausarbeitung des Programms für Herbst und Winter 2010, Zeit für die Profilierung unserer Forschungsschwerpunkte und für das Nachdenken über neue Themen und Initiativen sowie Halbzeit des europäischen Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010. Das KWI-Team freut sich, Sie ab September wieder bei Veranstaltungen begrüßen zu dürfen! Das neue Veranstaltungsprogramm mit den Terminen des Halbjahres 2010/11 erscheint Anfang Oktober. Alle Termine finden Sie dann auch im Veranstaltungskalender. Gerne schicken wir Ihnen das Programm zu, bitte richten Sie bei Interesse eine kurze E-Mail mit Ihrer Anschrift an: Ursula.Sanders@kwi-nrw.de.
Das KWI im Wissenschaftsatlas Metropole Ruhr
© Stiftung Mercator
Mit fünf Universitäten, 13 Hochschulen, einer Kunsthochschule und zahlreichen außeruniversitären Forschungsinstituten weist das Ruhrgebiet eine der dichtesten Forschungs- und Technologielandschaften in Europa auf. Welche Schwerpunkte und Entwicklungsperspektiven in dieser Wissensregion stecken, zeigt die zweite, von der Stiftung Mercator geförderte, Auflage des Wissenschaftsatlas’ Metropole Ruhr. Darin stellt sich auch das KWI mit seinen Forschungsschwerpunkten ErinnerungsKultur, InterKultur, KlimaKultur und VerantwortungsKultur vor. Neben einem kurzen Abriss über die Geschichte des KWI spricht KWI-Direktor Claus Leggewie auch über Zukunfsperspektiven. So müsse die Region "begreifen, dass die Zukunft, bei allem Wettbewerb, nicht auf kleinlichem Gegeneinander, sondern auf Zusammenarbeit aufbauen muss.“
Der Förderverein des KWI verleiht den Dissertationspreis 2010
v.l. Jens Kroh, Birgit Apitzsch, Claus Leggewie, Norbert Jegelka, Thomas Geer und Martina Pfeiler
Welche Folgen hat die Befristung und Projektförmigkeit von Arbeit und Beschäftigung auf Lebensverläufe und soziale Integration? Wie wird Lyrik, vor allem US-amerikanische Lyrik, im Zeitalter des Computers medial verbreitet? Mit diesen Themen haben sich die beiden Trägerinnen des „Dissertationspreises Kulturwissenschaften 2010“ in ihren prämierten Dissertationen befasst. Den ersten Preis erhielt bei der Verleihung im KWI die Soziologin Dr. Birgit Apitzsch von der Universität Duisburg-Essen für ihre Arbeit „Von internen zu informellen Arbeitsmärkten? Die Auswirkung der Projektifizierung von Arbeit und Beschäftigung auf Lebensverläufe, soziale Integration und Interessenvertretung am Beispiel von Architektur und Medien“. Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Martina Pfeiler wurde für ihre an der Technischen Universität Dortmund entstandene Dissertation „Poetry goes Intermedia. U.S.-amerikanische Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts aus kultur- und medienwissenschaftlicher Perspektive“ mit dem zweiten Preis ausgezeichnet. Der erste Preis ist mit 3000 Euro dotiert, der zweite mit 1500 Euro.
Nach der Preisverleihung diskutierten die Preisträgerinnen mit dem Institutskollegium über ihre Arbeiten und über die Lage und Perspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Der Verein zur Förderung des KWI hat den kulturwissenschaftlichen Dissertationspreis für herausragende Arbeiten von NachwuchswissenschaftlerInnen der Universität Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen 2010 zum zweiten Mal verliehen.
Families and Friends – Narratives on the Past, Present and Future
v.l. Claudia Lenz, Jens Kroh, Lesley A. Bleakney, Sophie Neuenkirch, Harald Welzer und Sonja Kmec
Spielen Zukunftserwartungen für die Deutung der Gegenwart und die Erinnerung der Vergangenheit eine Rolle? Diese Frage stand im Mittelpunkt der internationalen Konferenz „Families and Friends – Narratives on the Past, Present and Future“, die an der Université du Luxembourg stattfand und gemeinsam mit dem Center for Interdisciplinary Memory Research (CMR) am KWI veranstaltet wurde. In den Diskussionen der WissenschaftlerInnen aus der Tradierungs-, Milieu- und Generationenforschung zeigte sich, dass Mann und Frau, Familien und Freunde, Ost und West sowie Arm und Reich den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel der vergangenen Jahrzehnte teilweise konträr interpretieren und unterschiedlich in ihre Erzählungen integrieren. Wie wichtig längerfristige Zukunftsentwürfe für das Erinnern der Vergangenheit sein können, wurde insbesondere am Beispiel der Narrationen von Flüchtlingen deutlich, die sich während des Asylverfahrens über mehrere Jahre hinweg betätigungslos in einem Zustand gedehnter Gegenwart befinden. Inhaltlich schloss die Tagung an das „Comparative Family History Project“ an, das berufsbiographische Familiennarrative in Deutschland, Luxemburg und den USA vergleicht.
Das KWI beim Still-Leben Ruhrschnellweg
© KWI
Am Sonntag, 18. Juli, auf der A40: Eine Autobahn, eine 60 Kilometer lange Tafel, drei Millionen Besucher und mittendrin das KWI. Beim Still-Leben Ruhrschnellweg, dem größten Ereignis des Kulturhauptstadtjahres Ruhr.2010, stellten KWI-WissenschaftlerInnen an drei Tischen aktuelle Themen der Institutsschwerpunkte „KlimaKultur“ und „VerantwortungsKultur“ vor. Im Zentrum stand dabei das "KWIz", das Ratespiel des KWI. Die Besucher testeten ihr Wissen in den Bereichen Ernährung und Mobilität: Welche Auswirkungen hat unser Verhalten im Alltag auf unsere CO2-Bilanz, mit der wir wiederum die Entwicklung des Klimawandels beeinflussen? Viele waren beispielsweise erstaunt, als sie erfuhren, dass eine Fahrt mit dem Zug pro Kopf doppelt so viel CO2 verursacht, als eine Fahrt mit dem Reisebus.
Neuerscheinung: Unternehmertum. Vom Nutzen und Nachteil einer riskanten Lebensform
In der jüngsten Wirtschaftskrise stehen Manager und Aufsichtsräte wegen ihrer vermeintlichen Profitgier am Pranger. Gleichzeitig hat das Leitbild des Unternehmertums in den Alltag Einzug gehalten und sich von einer Wirtschafts- zu einer umfassenden Lebensform gewandelt. Jeder Einzelne soll Manager seiner selbst sein, und das Prinzip des Unternehmertums beherrscht inzwischen Politik, Wissenschaft und Kultur. Ludger Heidbrink, Direktor des Center for Responsibility Research am KWI, hat zusammen mit Peter Seele von der Universität Basel einen Band herausgegeben, der sich mit dem Risiken und Leistungen des Unternehmertums befasst. Die Autorinnen und Autoren, zu denen Dirk Baecker, Ulrich Bröckling, Wolfgang Fach, Jürgen Kaube, Georg Kohler, Werner Plumpe, Birger P. Priddat, Nico Stehr und Dieter Thomä gehören, setzen sich mit den Erfolgen unternehmerischen Handelns ebenso auseinander wie mit dessen Entgleisungen. Sie machen deutlich, wo die Chancen einer Gesellschaft liegen, die auf das Leitbild des Unternehmertums setzt - und wo diesem Grenzen zu setzen sind.
Polnische Kontroversen um die Erinnerung an NS-Vernichtungslager
„Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten wurde der NS-Judenmord im Polen der frühen Nachkriegsjahre in der Öffentlichkeit relativ stark thematisiert“, so die polnische Historikerin Zofia Wóycicka, Scholar in Residence des Goethe-Instituts am KWI. In ihrem Vortrag „Unterbrochene Trauer. Polnische Kontroversen um die Erinnerung an NS-Vernichtungs- und Konzentrationslager 1944-1950“ betonte Wóycicka, dass der Platz, den das jüdische Leiden in der polnischen Erinnerungslandschaft einnehmen sollte, von Beginn an kontrovers betrachtet wurde - vor allem vom Zentralkomitee der Juden in Polen und den ehemaligen polnischen KZ-Häftlingen. Zwar konnte das Jüdische Komitee in den ersten Nachkriegsjahren zumindest einen Teil seiner Forderungen im Bereich Erinnerungspolitik durchsetzen. Jedoch erfolgte Ende der 1940er Jahre im Zuge der Stalinisierung eine endgültige Tabuisierung des Themas und eine Gleichschaltung der Debatten. Im Anschluss an Wóycickas Vortrag zeigte die Osteuropa-Historikerin Jutta Scherrer, Gast Fellow am KWI, in einem Kommentar Parallelen zur Erinnerungskultur in Russland auf.
Erstes Zusammentreffen des neuen wissenschaftlichen Beirats des KWI
v.l. Schwencke, Busse, Dzwonnek, Conant, Behrens, Strohschneider, Amirpur, Lämmert (Ehrengast), Shire; Foto: Marek Eggemann
Am Tag der 20-Jahresfeier trafen sich erstmals die Mitglieder des neu gegründeten wissenschaftlichen Beirats des KWI. Während der Gründungssitzung wählte das elfköpfige Gremium Dorothee Dzwonnek, Generalsekretärin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, zu seiner Vorsitzenden und Klaus-Peter Busse, Professor für Kunstdidaktik an der Technischen Universität Dortmund, zum stellvertretenden Vorsitzenden. Der Wissenschaftliche Beirat berät den Vorstand in allen wissenschaftlichen Angelegenheiten, seine Mitglieder werden auf Vorschlag der Rektorate der drei Trägeruniversitäten des KWI und des Vorstands bestellt.
Zu den Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats gehören die Islamwissenschaftlerin und Journalistin Prof. Dr. Katajun Amirpur, der Romanist Prof. Dr. Rudolf Behrens von der Ruhr-Universität Bochum, Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Hartmut Böhme von der Humboldt-Universität zu Berlin und der amerikanische Humanwissenschaftler und Philosoph von der University of Chicago, Prof. Dr. James Conant. Außerdem gehören ihm Prof. Dr. Norbert Frei, Historiker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Jürgen Kaube, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Prof. Dr. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Prof. Dr. Olaf Schwencke, Präsident der Deutschen Vereinigung der Europäischen Kulturstiftung für kulturelle Zusammenarbeit in Europa, Prof. Dr. Karen A. Shire, Soziologin an der Universität Duisburg-Essen sowie Prof. Dr. Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrates an.
20 Jahre KWI: Ein Grund zum Feiern
Foto: Marek Eggemann; Dr. Michael Stückradt, Prof. Claus Leggewie, Gäste des KWI-Jubiläumsempfangs, Prof. Ulrich Radtke (im Uhrzeigersinn)
In den vergangenen 20 Jahren ist viel passiert: Die deutsche Vereinigung, mit der kaum jemand noch gerechnet hatte, die Europäisierung Europas über alte Grenzen und Gräben hinweg, immense Fortschritte der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung und ihre Kehrseite, als die manche den 9. September 2001 gesehen haben, und nun eine sich zuspitzende Krise des Weltfinanzsystems und unserer natürlichen Lebensgrundlagen. „Einschnitte und Prozesse, die uns gelegentlich erschrecken, sind für Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler interessante Zeiten und Stoff zum Denken, Anlass zur Nachforschung und zur Einmischung“, sagte KWI-Direktor Claus Leggewie am 29. Juni beim KWI-Jubiläumsempfang in Essen. Das KWI habe seine Forschungsthemen vor dem Hintergrund dieser Ereignisse stetig weiter entwickelt, zunächst als außeruniversitäre Einrichtung, seit 2007 als gemeinsames Forschungskolleg der drei Ruhrgebiets-universitäten. Zu seiner erfolgreichen kulturwissenschaftlichen Forschung und seiner Rolle als engagierter wissenschaftlicher Institution in NRW und im Ruhrgebiet gratulierte Staatssekretär Michael Stückradt. Der Rektor der Universität Duisburg-Essen, Ulrich Radtke, hob stellvertretend für die drei Rektorinnen und Rektoren der Universitätsallianz Metropole Ruhr hervor, dass das KWI ein zentrales Beispiel für die sehr gute und intensive Zusammenarbeit der Ruhrgebietsuniversitäten sei.
Einen Überblick über die Entwicklung, Fellows und Gäste sowie die Projekte und Themen des KWI von 1989/90 bis heute bietet die Broschüre „20 Jahre KWI“. Die vollständige Rede von KWI-Direktor Claus Leggewie können Sie hier nachlesen.
Klimawandel und Umwelt in China
© KWI
Gibt es Ressourcen in der chinesischen Geistes- und Kulturgeschichte, die vor dem Hintergrund der bereits spürbaren Folgen des Klimawandels und der massiven Umweltzerstörung in China als Orientierungspunkte in der Entwicklung eines Umweltbewusstseins genutzt werden können? Über diese Frage diskutierten Carmen Meinert, Research Fellow am KWI, und Heiner Roetz, Ruhr-Universität Bochum, mit China-Experten aus den Ruhrgebiets-Universitäten , England, den USA und Hongkong. Auf dem interdisziplinären, zweitägigen Kolloquium „Climate Change in China and Ideas on Nature in Chinese Cultural History“ wurden konfuzianische, daoistische und buddhistische Perspektiven zum Verhältnis von Mensch und Natur, historische Beispiele von menschlichem Eingreifen in die Natur – wie Deichbauten zur Umleitung des Gelben Flusses – und Schwierigkeiten in der Umsetzung von Gesetzen für eine sinnvolle Umweltpolitik in der Gegenwart diskutiert. Einige erste Ergebnisse des Kolloquiums sind die Entzauberung des in klassischen Texten gepredigten Mythos von der Einheit von Natur und Mensch, die Tendenz, dass im historischen Kontext ökonomische und soziale Interessen und Zwängen oftmals die Regulierung der Natur durch den Menschen begünstigten beziehungsweise überhaupt erst initiierten und die gegenwärtigen administrativen, ökonomischen und sozialen Hindernisse im Umweltschutz auf nationaler und lokaler Ebene.
Das Kolloquium der Universitätsallianz Metropole Ruhr wurde in Kooperation mit dem KWI, der Sektion Geschichte und Philosophie Chinas an der Ruhr-Universität Bochum, der Fakultät für Ostasienwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und des Goethe Instituts im Rahmen des Programms Scholars in Residence durchgeführt. Einen Eindruck des Kolloquiums vermittelt der Beitrag, als Podcast (ab 15.33 Minuten) oder Print-Version, des WDR 5 aus der Sendung Politikum vom 28. Juni 2010.
Historische Netzwerkforschung
Mit Vertretern fast aller historischer Disziplinen stand beim zweiten Workshop "Historische Netzwerkforschung" die Frage im Zentrum, inwieweit historische Quellen sinnvoll in relationale Daten umgewandelt werden können. Insbesondere fragmentarische Quellenbestände, aber auch falsche und widersprüchliche Aussagen, können eine Analyse leicht verfälschen und müssen daher sowohl während der Datensammlung, als auch während der Auswertung gesondert berücksichtigt werden. Außerdem wurde im Workshop die Frage diskutiert, welchen konkreten Erkenntnisgewinn Theorien und Methoden der Netzwerkanalyse liefern können. Es bestand Konsens darüber, dass wenngleich beide keine Erkenntnisse sui generis produzieren, sie dennoch als wichtige Hilfsmittel der Quellenauswertung zu verstehen sind, die bislang unbekannte Perspektiven eröffnen und dadurch wichtige Impulse liefern. Der Workshop fand im Rahmen des KWI-Projekts „Referenzrahmen des Helfens“ statt.
Ökoethik und Buddhismus
© Universität Hamburg
Im Gespräch mit den Buddhologen Lambert Schmithausen, Emeritus der Universität Hamburg, und Carmen Meinert, Research Fellow am KWI, hat Xue Yu, „Scholar in Residence“ des Goethe-Instituts am KWI, seine Thesen zu einer ökologischen Ethik des Buddhismus in China diskutiert. Kontrovers war seine Analyse des doktrinären Standpunkts, dass ein geläuterter Geist zentral für die Entwicklung eines Umweltbewusstseins sei, das auf die Errichtung einer sauberen Umwelt ziele. Die vorgetragenen Einwände betrafen doktrinäre und praktische Aspekte: Aus absoluter Sicht gelte die Vorstellung von Selbst und Welt - also auch der natürlichen Umwelt - im Buddhismus als illusionär. So könne selbst nach der Läuterung des Geistes zwar die Sicht auf die Umwelt unterschiedlich sein, die Umwelt müsse aber deshalb nicht unbedingt tatsächlich gereinigt sein. Zudem wurden praktische Beispiele für die Trennung von Wissen und Handeln angeführt: Eine geistige Reinigungszeremonie in einem Kloster führe nicht unweigerlich dazu, dass die Klostergemeinschaft den eigenen Müll vor der Tür entsorgt.
Der Vortragsabend fand am 15. Juni im Rahmen der Reihe „Buddhismus, Ökoethik und Klimawandel“ in Hamburg statt. Die Reihe wird vom Zentrum für Buddhismuskunde an der Universität Hamburg in Kooperation mit dem KWI und dem Goethe-Institut veranstaltet.
Fußball als transkulturelles Phänomen
© FIFA
Was unterscheidet und verbindet den Fußball in Afrika und den Fußball in Europa aus geschichts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive? Diese und weitere Fragen diskutierten anlässlich der Fußballweltmeisterschaft Susann Baller, Assistentin am Lehrstuhl für afrikanische Geschichte der Universität Basel, Jürgen Mittag, Geschäftsführer des Instituts für soziale Bewegungen in Bochum, und Annike Krahn, Nationalspielerin und Fußballweltmeisterin, mit KWI-Direktor Claus Leggewie und KWI-Research Fellow Jens Kroh. Es wurde deutlich, dass der Fußball mit seinem Regelwerk in Afrika anfangs als Mittel zur Disziplinierung der Bevölkerung durch die Kolonisatoren eingesetzt wurde, Vergemeinschaftungen fanden daher vorrangig auf lokaler Ebene statt. Dagegen identifizieren sich die Bürgerinnen und Bürger erfolgreicher afrikanischer Fußballländer heute zunehmend auch über den nationalen Rahmen. Ein Grund dafür ist, dass es dem Fußball-Weltverband FIFA gelungen ist, einen globalen Fußballmarkt zu kreieren, der für Medien, Unternehmen und Politik attraktiv ist und der afrikanische Spieler in europäischen Vereinsmannschaften - wie beispielsweise Didier Drogba (Elfenbeinküste) - als Repräsentanten ihrer Herkunftsländer in Szene setzt. Gleichzeitig müssen Fußballerinnen und Fußballer in Nationalteams mehr denn je mit Mitspielern kommunizieren und kombinieren, die unterschiedliche Mentalitäten und Migrationserfahrungen in das Mannschaftsgefüge einbringen. Diese interkulturellen Austauschprozesse in kleinen Kollektiven und die daraus resultierenden Anknüpfungspunkte für große Zuschauerkollektive begründen ebenfalls das Integrations- und Konfliktpotenzial des Fußballs.
Midterm-Treffen der Global Young Faculty mit Nobelpreisträger Sir John Sulston
Foto: Simon Bierwald, © Stiftung Mercator
Den Mut und die Kraft zu einer freien und unabhängigen Forschung, auch unter den gegenwärtigen Politik- und Profitzwängen, nicht zu verlieren – dazu rief der Medizinnobelpreisträger Sir John Sulston die NachwuchswissenschaftlerInnen beim Midterm-Treffen der Global Young Faculty auf. Zuvor hatten die fünf Arbeitsgruppen der Global Young Faculty, Klima, Technologie, Wirtschaft, Gesundheit sowie Kultur und Gesellschaft, die ersten Ergebnisse ihrer Projekte vorgestellt: So präsentierte die Klimagruppe ihren "Google Earth Layer", der die komplexe Problematik des Klimawandels durch filmische Beiträge vermittelt. Das geplante begehbare Kunstprojekt „Sondernutzung“ in der Essener Fußgängerzone der Arbeitsgruppe Kultur und Gesellschaft hingegen, wird die veränderte Rolle von Religion in der multikulturellen Gesellschaft bürgernah thematisieren. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch eine Paneldiskussion über „Open Science – die Verantwortung der Wissenschaft angesichts der Krise des Erdsystems“ zwischen Sir John Sulston und KWI-Direktor Claus Leggewie, an der sich auch die rund 130 ZuhörerInnen rege beteiligten.
Jüdische Geschichte in deutschen und polnischen Museen
© Goethe-Institut
Inwiefern unterscheiden sich Projekte zur Musealisierung jüdischer Geschichte und Kultur in Polen und Deutschland? Diese Frage erörterten Zofia Wóycicka, derzeit Scholar in Residence am KWI, und die Kuratorin des Jüdischen Museums München, Ulrike Heikaus, während einer Podiumsdiskussion in der Zentrale des Goethe-Instituts in München. Genauso nahmen Anne-Katrin Lang, wissenschaftliche Mitarbeiterin am KWI, und Hans-Georg Thönges, Bereichsleiter Wissenschaft und Zeitgeschehen am Goethe-Institut, an der Veranstaltung teil. Zunächst referierte Wóycicka über das Warschauer „Museum der Geschichte der polnischen Juden“, das Anfang 2011 eröffnet werden soll. Im Anschluss daran diskutierten die TeilnehmerInnen vor allem über Parallelen und Unterschiede in der Entstehungsgeschichte und Konzeption der Museen in Berlin, München und Warschau. Die Veranstaltung fand im Rahmen des „Scholars in Residence“ Programms statt, welches das Goethe-Institut in Kooperation mit dem KWI durchführt.
Corporate Social Responsibility: Hochschulen in der Pflicht?
Foto: Marek Eggemann
Ist soziale Verantwortung, wie sie für die Wirtschaft unter dem Namen „Corporate Social Responsibility“ eingefordert wird, auch ein Thema für Hochschulen? Über diese Frage diskutierten die Rektorin der TU Dortmund, Professor Ursula Gather, der Rektor der Ruhr-Universität Bochum, Professor Elmar W. Weiler, und der Rektor der Universität Duisburg Essen, Professor Ulrich Radtke, bei einem Workshop des Center for Responsibility Research (CRR) am KWI mit TeilnehmerInnen aus Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Universitäten und Fachhochschulen, so das Resümee, lassen sich nur bedingt mit Unternehmen vergleichen, sie tragen aber gleichwohl eine Verantwortung für gesellschaftliche Aufgaben. Diese Verantwortung bestünde nicht nur darin, die Qualität von Forschung und Lehre zu sichern und Studierende umfassend auszubilden. Hochschulen besäßen als öffentliche Einrichtungen auch die Verantwortung, Lösungsvorschläge für gesellschaftliche Probleme wie den demographischen Wandel, die soziale Integration oder eine nachhaltige Wirtschaft zu entwickeln. Die Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR) sei dabei in Zukunft besonders herausgefordert.
Jörn Rüsen erhält die Ehrendoktorwürde der Universität Lund
Für seine Forschung und Lehre zur Geschichtsphilosophie und Theorie der Geschichte ist Professor emeritus Jörn Rüsen von der schwedischen Universität Lund mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden. Der langjährige Präsident des KWI hat in Lund Gastvorlesungen gehalten und die Universität bei Projekten zum Holocaust und zur Geschichte der europäischen Kultur unterstützt.
Jörn Rüsen studierte Geschichte, Philosophie, Germanistik und Pädagogik in Köln. Nach seiner Promotion über Geschichtstheorie lehrte er an den Universitäten in Braunschweig, Berlin und Bielefeld. 1997 trat Rüsen eine Professur für Allgemeine Geschichte und Geschichtskultur an der Universität Witten-Herdecke an. Im gleichen Jahr übernahm er das Amt des KWI-Präsidenten, das er zehn Jahre innehatte. 2008 erhielt Jörn Rüsen den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen und leitete bis Ende 2009 als Senior Fellow das KWI-Projekt „Der Humanismus in der Epoche der Globalisierung”. Der Vorstand und das Kollegium des KWI gratulieren Jörn Rüsen zu seiner Auszeichnung.
Unbehagen in der Säkularisierung?
Foto: Marek Eggemann
Charles Taylor hat sich in einer zweitägigen Veranstaltung des KWI den Fragen und Kritiken an sein opus magnum „Ein säkulares Zeitalter“ gestellt. Themen der Podiumsdiskussion am 14. Juni waren die historische Genealogie des „säkularen Zeitalters“, die Gegenwartsdiagnose religiöser Konflikte in westlichen Gesellschaften und ihre politischen Regulierungsformen. Am 15. Juni setzten sich rund fünfzig Historiker, Soziologen, Philosophen, Politologen und Religionswissenschaftler in einem Workshop mit der Vielfalt der Taylorschen Analysen auseinander. Neben Taylors Deutung der pluralistischen Situation, in der die einst sozial bestimmende Gottesfrage zur individuellen Option geworden ist, ging es vornehmlich um die Frage der Legitimität religiöser Konflikte im weltlichen Staat. Der kanadische Philosoph und Politikwissenschaftler kritisierte den militanten Säkularismus wichtiger politischer Traditionen der Moderne - wie der französischen „laicité“ - und plädierte für ein offenes Aushandeln religiöser Konflikte im liberalen Rechtsstaat. Geleitet wurde der Workshop von Otto Kallscheuer und Claus Leggewie.
Von „Renaissance“ bis „Signatur“: der 11. Band der Enzyklopädie der Neuzeit ist erschienen
Mit dem Erscheinen des 11. Bandes der Enzyklopädie der Neuzeit startet das von Friedrich Jaeger geschäftsführend herausgegebene Gemeinschaftsunternehmen des KWI und des Verlags J.B. Metzler in sein letztes Drittel. Der aktuelle Band enthält über 200 Beiträge zur neuzeitlichen Geschichte aus allen Disziplinen der historischen Forschung - von der politischen Geschichte über die Geschichte der Wirtschaft und der Musik bis hin zur Religions-, Kultur- und Umweltgeschichte. Er beginnt mit dem zentralen Artikel zur "Renaissance" und reicht bis zum Eintrag "Signatur". Mit diesem alphabetischen Zuschnitt umfasst der Band vielfältige Beiträge zur europäischen Revolutionsgeschichte und zur Russischen Geschichte, zur Römisch-katholischen Kirche und zur Säkularisierung in den europäischen Gesellschaften, sowie schließlich zur Entwicklung des Romans oder zur Geschichte der Schifffahrt und der Sexualität im neuzeitlichen Europa. Als lexikalisches Nachschlagewerk erschließt die seit 2005 erscheinende Enzyklopädie im Rahmen von etwa 4.000 alphabetisch geordneten Artikeln die europäische Geschichte und ihre globalen Kontexte zwischen 1450 und 1850 und umfasst damit die Epoche der Frühen Neuzeit und des Zeitalters der bürgerlichen Revolutionen. Sie endet mit dem Beginn der Moderne, die sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat. Die einzelnen Bände erscheinen im halbjährlichen Rhythmus; mit dem Erscheinen des Registerbandes wird das Publikationsprojekt im Jahre 2012 abgeschlossen sein.
Auftakt der Vortragsreihe Interdisziplinäre Gewaltforschung
© KWI
Am Dienstag eröffnete Professor Xue Yu, derzeit „Scholar in Residence“ des Goethe-Instituts am KWI, die neue Vorlesungsreihe „Interdisziplinäre Gewaltforschung“ des Center for Interdisciplinary Memory Research am KWI. Der Direktor des Centre for the Studies of Humanistic Buddhism an der Chinese University of Hong Kong, stellte anhand einer Reihe historischer und aktueller Beispiele klar, dass der Buddhismus, wie andere Religionen, immer wieder zur Rechtfertigung gewalttätigen Handelns herangezogen worden ist. Deutlich wurde weiterhin, wie historisch-gesellschaftliche Konstellationen neue Deutungen klassischer Texte hervorbringen und etablierte Wertvorstellungen überschreiben. Am 14. Juli wird Sönke Neitzel, Senior Fellow am KWI, die Reihe mit Überlegungen zur „Banalität des Krieges“ fortsetzen.
Lesart Spezial: Vom Weiterleben nach dem Überleben. Die dritte Generation
© Buchhandlung Proust
Aus der Perspektive der Enkelgeneration schildert Katarina Bader in ihrem Buch „Jureks Erben“ (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010) die schwierige Wiederannäherung zwischen Deutschen und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei steht ihre Freundschaft zu dem 2006 verstorbenen polnischen Auschwitz-Überlebenden Jurek Hronowski im Mittelpunkt. Mit 18 Jahren lernte Bader den damals 80-Jährigen kennen. Was nach Jureks Tod blieb, waren Fragen: Warum war er so einsam? Wieso hat er sich von fast allen Menschen, die ihm eine Zeit lang nahe standen, im Streit getrennt? Um Antworten zu finden, besuchte Bader Menschen, die Jurek zu verschiedenen Zeiten näher kannten: Dabei stellte sich heraus, dass Jurek zwar tausenden Fremden von seinem Schicksal erzählen konnte, nicht aber seinen Nächsten. Aus den Erinnerungen an Jurek hat Bader eine Biographie zusammengesetzt, zugleich ist eine lebensnahe Geschichte einer individuellen Aufarbeitung des Lebens im NS-Regime entstanden. Gemeinsam mit der künstlerischen Direktorin der Ruhr.2010 GmbH Asli Sevindim, die das Buch „Die Aufsteigerrepublik. Zuwanderung als Chance“ (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009) von Armin Laschet vorstellte, diskutierte Bader unter der Moderation des KWI-Direktors Claus Leggewie in der Reihe Lesart Spezial über Erinnerungen an den Nationalsozialismus, auch unter in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund. Die Sendung wird am 13. Juni von 12.30 bis 13 Uhr im Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt.
Neue Scholars in Residence am KWI: Zofia Wóycicka und Xue Yu
Im Rahmen des Scholars in Residence Programms, das in Kooperation mit dem Goethe-Institut durchgeführt wird, beginnen Dr. Zofia Wóycicka und Prof. Xue Yu Anfang Juni ihren Gastaufenthalt am KWI. Die polnische Holocaustforscherin Zofia Wóycicka möchte während ihrer Arbeit (7. Juni bis 18. Juli 2010) im Forschungsbereich Erinnerungskultur vor allem an ihrem Habilitationsprojekt arbeiten. „Darin würde ich gerne der Frage nachgehen, wie die Verwendung unterschiedlicher historischer Quellen zur Erforschung der Shoah die Forschungsergebnisse und die Art, wie die Geschichte in wissenschaftlichen Texten, Belletristik, Filmen und musealen Ausstellungen dargestellt wird, beeinflussen.“ Der Forschungsbereich der Erinnerungskultur sei in Polen noch nicht so weit entwickelt wie in Deutschland. Zwar seien in den vergangenen Jahren größere Publikationen erschienen, dennoch fehle es weiterhin an „strukturellen Analysen der polnischen Erinnerungskultur“. Neben Zofia Wóycicka ist derzeit auch der Professor für Buddhismuskunde Xue Yu am KWI tätig. Yu lehrt am Center for the Study of Humanistic Buddhism am Department of Cultural and Religious Studies der Chinese University of Hong Kong. Zu seinen Forschungsgebieten zählen unter anderem der Chinesische Buddhismus sowie die theoretischen und historischen Dimensionen des „Humanistic Buddhism”. Während seines Gastaufenthaltes vom 1. Juni bis 5. Juli 2010 wird Xue Yu im Forschungsbereich Kultur und Klimawandel arbeiten. Dabei wird er an drei Tagungen aktiv teilnehmen. Beginnen wird Yu am 8. Juni mit einem Vortrag über „Buddhism, War and Nationalism. Chinese Monks in the Struggle against Japanese Aggressions” am KWI.
Das Verhältnis zwischen Buddhismus und Umwelt
© Centre for the Studies of Humanistic Buddhism
In welchem Verhältnis stehen Buddhismus und Umwelt zueinander? Dieser Frage gingen Buddhismus-Experten, Sozialpsychologen und Umweltaktivisten während des internationalen Workshops “Buddhism and Environment” an der Chinese University of Hong Kong nach. Der von Carmen Meinert (KWI) und Xue Yu (Chinese University of Hong Kong), im Rahmen des Scholars in Residence-Programms des Goethe-Instituts in Zusammenarbeit mit dem KWI, organisierte Workshop thematisierte doktrinäre Standpunkte und Möglichkeiten innovativer und moderner Neuinterpretationen der buddhistischen Tradition. Erörtert wurden auch Beispiele eines buddhistisch inspirierten Umweltschutzes. Beeindruckend war dabei das Beispiel einer koreanischen Nonne, deren Umweltengagement eine nationale Umweltschutzbewegung ausgelöst hat. Oder auch ein aus einer Nomadenfamilie stammender Tibeter, der mit offizieller Unterstützung der chinesischen Regierung und mithilfe buddhistischer Klostergemeinschaften die lokale Bevölkerung zur Müllsäuberung ganzer Landstriche aktiviert, sodass sich ein Umweltbewusstsein herausbildet. Und schließlich das Beispiel thailändischer Mönche, die entgegen der Tradition Bäume ordinieren, um Wälder vor der Abholzung zu schützen.
Der Workshop fand in Kooperation mit dem Center for Humanistic Buddhism of the Department of Cultural and Religious Studies der Chinese University of Hongkong sowie dem Centre of Buddhist Studies an der University of Hong Kong statt. Die Folgeveranstaltung „Climate Change in China and Ideas on Nature and Environment in Chinese Cultural History” findet während des Aufenthalts von Dr. Xue Yu im KWI statt.
Buchvorstellung: Geschichte Großbritanniens im 20. Jahrhundert
Wie lässt sich heutzutage eine moderne Nationalgeschichte Großbritanniens im europäischen Kontext schreiben? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Buchpräsentation in der Essener Buchhandlung Proust, bei der der Freiburger Wirtschafts- und Sozialhistoriker Franz-Josef Brüggemeier sein kürzlich im Verlag C.H. Beck erschienenes Werk zur „Geschichte Großbritanniens im 20. Jahrhundert“ präsentierte. Sein Buch ist Teil der von Ulrich Herbert herausgegebenen Reihe „Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert“. Im Gespräch mit Friedrich Jaeger, Senior Fellow am KWI, stellte er Großbritannien als den modernsten Staat Europas dar, in dem sich wichtige Entwicklungen des 20. Jahrhunderts früher als auf dem restlichen Kontinent vollzogen. Um 1900 hatte es kein anderes europäisches Land geschafft, den Grad an Urbanisierung und Industrialisierung zu erreichen, den Großbritannien im Laufe des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hatte. Auch Konsumgesellschaft und Populärkultur waren nirgendwo so weit entwickelt wie dort. Der Rückgang der Industrieproduktion und der Aufstieg des Dienstleistungssektors vollzogen sich im Laufe des 20. Jahrhunderts ebenfalls früher als in anderen Ländern.
Indem er die aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen Großbritanniens, aber auch seine kulturellen Besonderheiten sowie seine europapolitische Sonderstellung aus der historischen Langzeitperspektive des 20. Jahrhunderts beleuchtete, eröffnete Brüggemeier im Laufe des Abends faszinierende Einblicke in ein wichtiges Land Europas, das die Herausbildung der europäischen Moderne vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart wesentlich geprägt hat.
Erinnerungskultur in Hong Kong
Vergangenheit ist in China, wie überall, eine wichtige Ressource der kollektiven Selbstverortung. Das gilt noch viel mehr in Hong Kong, einem Gebiet, das seit 1997 zwar zu China gehört, aber noch immer im Prozess der Identitätsbildung zwischen britischer Kolonialgeschichte, Demokratie, Autokratie, Turbokapitalismus und diffusen "traditionellen" chinesischen Werten pendelt. Im Gegensatz zu anderen Ländern beschränken sich die chinesischen Akteure fast ausschließlich auf die positiven Seiten der Geschichte, entsprechend spielen weniger erfreuliche Aspekte der eigenen Vergangenheit keine Rolle. Christian Gudehus, KWI-Research Fellow des Forschungsschwerpunkts ErinnerungsKultur, hat in seinem Vortrag "Negative History as Heritage and Political Resource" an der Shue Yan University in Hong Kong mit dem Beispiel der Bundesrepublik Deutschland ein stark kontrastierendes Modell und seine historische Genese präsentiert und seine gesellschaftlichen Bedingungen im Gespräch mit chinesischen Kollegen zur Diskussion gestellt.
Bernd Sommer als Research Analyst in New York
© Leila Mead IISO-RS
Bernd Sommer, Research Fellow im KWI-Forschungsbereich KlimaKultur, hat als Research Analyst des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) am ersten Vorbereitungstreffen der UN-Konferenz für Nachhaltige Entwicklung im Jahr 2012 in Rio de Janeiro teilgenommen. Die Konferenz, die in Anlehnung an den erfolgreichen "Erdgipfel" des Jahres 1992 bereits heute als "Rio+20" bekannt ist, soll der notwendigen globalen Transformation in eine nachhaltigere Lebens- und Wirtschaftsweise neue Impulse verleihen. Auf der Agenda der Konferenz werden unter anderen die Themen "Green Economy" sowie eine Reform der institutionellen Architektur für nachhaltige Entwicklung stehen. Obgleich zwischen den Ländern des globalen "Südens" und "Nordens" weiterhin gewichtige Interessenunterschiede bestehen, fanden die Beratungen in konstruktiver Atmosphäre statt. Sommer verbringt derzeit einen vierwöchigen Forschungsaufenthalt am Pardee Center for the Study of the Longer-Range Future an der Boston University.
Glaubensfrage - Religion und Politik im Konflikt
© EUROPE DIRECT Aachen, Winfried Brömmel
Zum Auftakt der Vortragsreihe sprach KWI-Direktor Claus Leggewie über "Moscheekonflikte". In seinem Vortrag skizzierte er die islamkritische Bewegung in Europa und vertrat die These, dass Moscheekonflikte gut und wichtig für die Gesellschaft seien, solange diese friedlich ausgelebt werden. Außerdem werde die deutsche Religionslandschaft der nordamerikanischen zunehmend ähnlicher. Weiterhin stellte Leggewie fest, dass die meisten Moscheen in Deutschland eine repräsentative Statur mit Kuppel und Minarett annehmen, obwohl dies im Islam nicht vorgeschrieben sei. Zu selten werde vor dem Bau einer Moschee mit den Nachbarn und Bewohnern geredet, sondern nur mit den Kommunalpolitikern. Wenn die Moschee darüber hinaus in sozial benachteiligten Stadtgebieten errichtet würde, komme es schnell zu populistischen Konfliktmustern.
Die Vortragsreihe „Glaubensfrage – Religion und Politik im Konflikt“ widmet sich dem Verhältnis von Politik und Religion in Europa. Veranstaltet wird sie von der Initiative Europäische Horizonte, die in Kooperation mit der Stadt Aachen, dem Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen, der Regionalen Vertretung der Europäischen Kommission in Bonn sowie der REGIO Aachen e.V. initiiert wurde.
Klimawandel und globale Interdependenz
© Aife Diamond, UCD
In den vergangenen Jahren sind Globalisierungstheorien aus den Bereichen der Internationalen Beziehungen und der Soziologie zunehmend verknüpft worden. Bei der Dubliner Konferenz "Globalisation & Civilisation in International Relations – Towards New Models of Human Interdependence im April 2010 trafen Vertreter beider Disziplinen aufeinander. Unter anderen analysierte Bernd Sommer, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich KlimaKultur, das Ausmaß der globalen Interdependenzen im Kontext des Klimawandels. Dabei machte Sommer deutlich, dass die Erwärmung der Erde in Hinsicht auf Vermeidungs- und Anpassungsstrategien die Kooperation nahezu aller Länder erfordere. Es mangele jedoch bislang an einer adäquaten Architektur der internationalen Beziehungen, die diesem Ausmaß an Interdependenzen entspricht. Für Hoffnung sorge lediglich eine entstehende "globale Öffentlichkeit", die im Zusammenhang mit dem Thema "Klimawandel" zu beobachten sei. Die Konferenz am University College Dublin (UCD) fand in Kooperation mit der Royal Irish Academy (RIA) und der Norbert Elias Foundation statt.
Urbanität gestalten: Zukunftsszenarien für die Städte des Ruhrgebiets
© Etta Gerdes
Das Ruhrgebiet ist bundesweit eine einmalige Metropolregion, die Stadtplanung und Baukultur vor besondere Herausforderungen stellt. Beim Kolloquium “Urbanität gestalten – Zukunftsszenarien für die Städte des Ruhrgebiets” am 7. Mai im Museum Folkwang trafen internationale Vertreter unterschiedlicher Disziplinen und Berufsfelder aufeinander, um gemeinsam Entwürfe für eine zukunftsfähige Gestaltung des Lebensraums Stadt in der Ruhrregion zu erkunden. Unter anderem gab Nik Luka, Architekt und Stadtplaner an der McGill University in Montréal, Denkanstöße, wie der öffentliche Nahverkehr sinnvoll eingeflochten werden kann. Dabei machte Luka deutlich, dass das Prinzip „Bau‘ irgendein Netz des öffentlichen Nahverkehrs und es wird genutzt“ keine Früchte trägt. Vielmehr komme es darauf an, U- und Straßenbahnen mit den spezifischen Abläufen, die in einer Stadt herrschen, zu verbinden und aufeinander abzustimmen. Außerdem müsse Urbanität so gestaltet werden, dass sie dazu einlädt, im Alltag auch per pedes oder mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Lukas Denkanstöße basieren auf den Ergebnissen des von ihm in Montréal geleiteten Projekts „Optimising public transport infrastructure for sustainable city-buildung and urban regeneration: whole-corridor urban design strategies“. Neben Luka referierten im dritten, von KWI-Direktor Claus Leggewie geleiteten, Panel „Urbanität in grünen Metropolen?“ auch der mexikanische Architekt Gustavo Lipkau und der Direktor der ARUP, London, Peter Head.
Zuvor hatte das erste Panel eine historische Rückschau über die Entstehung der Urbanität im Ruhrgebiet und der damit einhergehenden Verkehrspolitik vorgenommen, deren Spuren bis heute sichtbar sind. Die Referenten des zweiten Panels widmeten sich der "Stadt und Urbanität als Medien der Zukunft". Die Veranstaltung des Museum Folkwang wurde in Zusammenarbeit mit dem KWI und der Fakultät für Raumplanung an der TU Dortmund durchgeführt, gefördert durch die Kulturstiftung Essen und das Goethe-Institut Montréal.
Präsentation von Nik Luka
Navid Kermani erhält die Buber-Rosenzweig-Medaille
© Isolde Ohlbaum
Als erster Muslim erhält der aus dem Iran stammende und in der Bundesrepublik Deutschland geborene KWI-Fellow Navid Kermani die Buber-Rosenzweig-Medaille des Deutschen Koordinierungsrats der 83 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR). Mit der Auszeichnung würdigt der unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stehende DKR Kermanis „intensive Auseinandersetzung mit der eigenen islamischen Religion, Kultur und Tradition, die er in ein nicht weniger intensives Gespräch mit dem Christentum und dem Judentum einbringt“. Kermani werbe um ein Verständnis von Integration, bei dem es um gegenseitige Akzeptanz durch besseres Verständnis und gegenseitige Kenntnis der kulturellen und religiösen Unterschiede gehe. Seine Überzeugung, dass Dialog und Integration in einem zusammenwachsenden Europa nur in einer an den Werten der Aufklärung orientierten, pluralen Gesellschaft und auf dem Boden eines demokratischen Staatswesens gelingen können, sei vorbildhaft, so der DKR.
Der Preis wird im Rahmen der bundesweiten und zentralen Eröffnungsveranstaltung zur "Woche der Brüderlichkeit" am 13. März 2011 in Minden verliehen. Frühere Preisträger waren Prof. Dr. Friedrich Heer (Wien) und Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Marquardt (Berlin).
Jutta Scherrer ist Visiting Fellow am KWI
© Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin
Die emeritierte Professorin für Osteuropäische Geschichte, Jutta Scherrer, wird von Mai bis Juli 2010 als Visiting Fellow am KWI tätig sein. Während ihres dreimonatigen Aufenthalts am Forschungskolleg wird die Expertin für die Geschichte der russischen Intelligenzija im 19. und 20. Jahrhundert im Projekt “Humanismus in der Epoche der Globalisierung” mit Jörn Rüsen zusammenarbeiten. “Konkret möchte ich während meines Fellowships das Projekt des ‘realen Humanismus’ in der Sowjetunion - einschließlich seines Umschlags in Inhumanität und Barbarei - untersuchen”, so Scherrer. Dabei wird die Mitbegründerin des Instituts für europäische Kulturen an der Russischen Staatlichen Humanwissenschaftlichen Universität Moskau auch die Auswirkungen auf ausgewählte osteuropäische Staaten nach 1945, vor allem der DDR, erforschen. Seit 1980 ist die studierte Slawistin und Soziologin Directrice d'études an der Ecole des Hautes en Sciences Sociales in Paris. Zuvor lehrte sie unter anderem an Universitäten in Bochum, Leipzig und Paris und war Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin (1984-1985) und des Centre Marc Bloch in Berlin (1998-2000).
Lesart-Spezial: Wenn die Seele nicht mehr mitspielt
© Buchhandlung Proust
Neurosen, Psychosen, Burnout – wenn die Seele nicht mehr mitspielt, brauchen Menschen im äußersten Fall psychiatrische Hilfe. Mit der Psychatrie als Ordnungsgefüge einer Gesellschaft hat sich die Freiburger Historikerin Cornelia Brink in ihrem Buch "Grenzen der Anstalt - Psychiatrie und Gesellschaft in Deutschland 1860-1980 " (Wallstein Verlag, Göttingen 2010) befasst. Darin schildert sie, wie sich psychiatrische Anstalten im 19. Jahrhundert als Orte der Verwahrung für psychisch Kranke etablierten und - trotz beständiger Kritik wegen ihrer unübersehbaren Probleme - erst in den 1970er Jahren grundlegende Reformen durchgeführt wurden. Über die Bedingungen für diese Reformen, ihre Ziele und die Kontinuitäten des Systems - wie beispielsweise die bis heute kaum untersuchte Verwahrung chronisch Erkrankter in Heimen - diskutierte Brink am Montag in der Reihe Lesart-Spezial mit Wolfgang Senf, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Essen, unter der Moderation des KWI-Direktors Claus Leggewie im Essener Grillo-Theater. Senf stellte zudem Miriam Meckels “Brief an mein Leben” (Rowohlt, Hamburg 2010) vor, in dem die Autorin ihre Erfahrungen mit dem Burnout-Syndrom und die Behandlung in einer Klinik beschreibt.
Die Diskussion wird am 13. Mai von 12.30 bis 13 Uhr im Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt. Die Reihe „Lesart Spezial“ wird vom KWI, Deutschlandradio Kultur, Buchhandlung Proust und dem Schauspiel Essen veranstaltet. Medienpartner ist die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ).
Das Verhältnis von Gewalt und Buddhismus
© Centre of Buddhist Studies, Hongkong University
Der esoterische oder tantrische Buddhismus ist geprägt durch eine Vielzahl von, teilweise kontroversen, Ritualen, die es ermöglichen die höchste Stufe der Erleuchtung zu erlangen. Doch in welchem Verhältnis steht der Buddhismus in China und Tibet zu Gewalthandlungen in Ritualen? Dieser Frage ging die Ostasienwissenschaftlerin Carmen Meinert (KWI) am 4. Mai in ihrem Vortrag „Averting Harm and Achieving Salvation? Assimilation and Transformation of Esoteric Buddhism in China and Tibet“ am Center of Buddhist Studies der Hongkong University nach. Dabei stellte sie Tötungsrituale vor, die in Ritualhandbüchern beschrieben sind - extrem kontroverse Praktiken, die in den kulturellen Kontexten beider Länder auf großen Widerstand stießen. Aus ihren Darstellungen leitete Meinert verschiedene Assimilationsstrategien ab, die den unterschiedlichen Umgang mit „geheimem Wissen“ in den beiden Kulturen verdeutlichen. Der Vortrag fand im Rahmen des „Scholars in Residence“-Programms des Goethe-Instituts in Kooperation mit dem KWI statt. Im Juni und Juli 2010 kommt Meinerts Tandempartner Xue Yu des Department of Cultural and Religious Studies der Chinese University of Hongkong zu einem Gastaufenthalt ans KWI.